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Gesprächszeit

Günter Schabowski

Ehemals Mitglied des Zentralkomitees der SED

8. November 2019, 18:05 Uhr

9. November 1989, 19 Uhr: "Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen, Reiseanlässen oder Verwandtschaftsverhältnissen beantragt werden, die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt." – Günter Schabowskis unsortierte Presseerklärung sorgte vor 30 Jahren mit dafür, dass die Mauer zu Fall gebracht wurde. 2007 hat Schabowski im damaligen Nordwestradio auf diese Zeit zurückgeblickt.

Auf der Pressekonferenz am 09.11.1989 gab Günter Schabowski die Öffnung der Grenze bekannt [Quelle: DPA]
Auf einer Pressekonferenz am 09.11.1989 gab Günter Schabowski die Öffnung der Grenze bekannt [Quelle: DPA]

Das Gespräch zum Anhören:
"Ich bin ein Werkzeug der Geschichte gewesen" – Günter Schabowski [40:18 Minuten]

Eine solche Pressekonferenz live im DDR-Fernsehen war noch ein Novum. Erst zum zweiten Mal verlautbarte der Arbeiter- und Bauernstaat seine neuen Beschlüsse und ließ die Zuschauer auch die Fragen der internationalen Pressevertreter im Fernsehen live aus dem internationalen Pressezentrum in Ost-Berlin hören. Als Regierungssprecher des SED-Politbüros verkündete Günter Schabowski eine neue Reiseverordnung. Die Beschränkungen für die Reisen in den Westen seien aufgehoben. Auf die Nachfrage eines italienischen Journalisten, ab wann diese Verordnung in Kraft trete, stammelte Schabowski einen Satz, der in die Geschichte einging:

Das trifft nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.

Günter Schabowski am 9. November 1989

"Ich bin kein Gigant, der eine Leistung vollbracht hat"

Und dann ging alles schneller, als sich die SED-Spitze das vorgestellt hatte. So öffneten sich schon am Abend des 9. November nach über 28 Jahren die Grenzübergänge gen Westen und der Zerfall der Systemgrenze begann.

Ich sag immer, ich bin ein Werkzeug der Geschichte gewesen. Denn mit diesem Begriff "Maueröffner" verbindet sich ja auch etwas Illusionäres. Als könne ein Einzelner zufällig, wie häufig vermutet wird, diesen Anstoß gegeben haben.

Günter Schabowski 2007 im Nordwestradio

Nach der Haft: "Niemand hat das Recht jemanden zu killen"

1999 wurde Günter Schabowski im wiedervereinigten Deutschland zu drei Jahren Haft verurteilt. Wie weiteren SED-Funktionären wurde auch ihm der Schießbefehl an der Mauer vorgeworfen und Schabowski musste sich als Befehlshaber des vielfachen Totschlages verantworten. Als einziger der damals verurteilten Politbüro-Mitglieder übernahm er während des Prozesses Verantwortung und zeigte Reue.

Niemand hat das Recht jemanden zu killen, der nichts weiter einzuwenden hat als: 'Ich will nicht weiter in diesem Staat leben, ich will mich in die Welt begeben'.

Günter Schabowski 2007 im Nordwestradio

"Das System hat seine Daseinsberechtigung verspielt"

Von seinen drei Jahren Haft hat Günter Schabowski knapp ein Jahr im Gefängnis verbüßt. Im September 2000 begnadigte ihn der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin Eberhard Diepgen. Seine Vergangenheit in der DDR hat Schabowski in der Zeit danach kritisch reflektiert. Für ihn gab später es keine Alternative zur Demokratie.

Ich bin der Meinung, dass ein System, das sich so absolut definiert, dass es das Recht habe, Menschen zu töten, die nicht sozusagen einverstanden sind mit dem System – aber nichts begangen haben gegen dieses System! – dass dieses System seine Daseinsberechtigung verspielt hat.

Günter Schabowski 2007 im Nordwestradio

2015 ist Günter Schabowski gestorben. Acht Jahre zuvor, im Jahr 2007, hat Journalist Kurt Birr vom damaligen Nordwestradio Günter Schabowski zu einem Gespräch getroffen. Darin erläutert Günter Schabowski seinen Weg in die Höhen der SED, erklärt seine Sicht der Machtmechanismen des DDR-Systems und zeichnet die Wirkung dieser Ideologie auf die Bürger und die Funktionäre nach. 30 Jahre nach dem Mauerfall wiederholen wir dieses Gespräch mit dem ehemaligen Mitglied des Zentralkomitees der SED.

Moderation: Martin Busch und Kurt Birr

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 8. November 2019, 18:05 Uhr

Weitere Informationen:

Persönliche Erinnerungen an den 9. November 1989 30 Jahre Mauerfall – Die friedliche Revolution
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