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Gesprächszeit

Gökhan Aytekin

Arbeiter aus Bremen-Kattenesch

10. Januar 2020, 18:05 Uhr

Auf dem Heimweg von der Frühschicht will Gökhan Aytekin eben noch ein paar Kleinigkeiten im Supermarkt holen. Da sieht er zufällig Gesprächszeit-Moderator Mario Neumann mit seinem Schild "Eine Stunde reden?". "Ja – können auch zwei sein“, ruft der Deutsch-Türke und verschwindet erstmal im Laden. Am nächsten Tag hat der 44-Jährige frei und erzählt die Geschichte seines Lebens.

Gökhan Aytekin [Quelle: Radio Bremen, Mario Neumann]
Gökhan Aytekin [Quelle: Radio Bremen, Mario Neumann]

Das Gespräch zum Anhören:
"Ich treffe oft zu wenig Landsleute" – Gökhan Aytekin aus Bremen-Kattenesch [35:38 Minuten]

1975 kommt der kleine Gökhan in der Bremer Neustadt als Sohn eines Gastarbeiterpaares zur Welt. Dort stirbt im Jahr darauf sein Vater durch einen Fahrradunfall – kurz nachdem Gökhan und ein Bruder zu Verwandten in die Türkei gebracht wurden, damit die Eltern in Deutschland ihren Jobs nachgehen können.

Diese Geschichte kommt nicht sehr oft. Wenn ich das so erzähle kommt die Trauer wieder hoch.

Eine Heimat in Bremen und eine in der Westtürkei

Bis er acht Jahre alt ist, wächst Gökhan bei Opa, Oma und anderen Verwandten in einfachen Verhältnissen in der Türkei auf, während die Mutter in Deutschland das Geld verdient. Dann die Überraschung, einer der schönsten Momente seines Lebens, als ihm ein Cousin beim Spielen zuruft: "Gökhan, komm, dein Papa ist da!" Seine Mutter hatte nochmal geheiratet und Gökhan freute sich.

"Papa" – dieses Gefühl, nach dem du dich jahrelang gesehnt hast. Als ich hörte "Papa ist gekommen" – das ist wie sechs Richtige.

Der neue Mann ist für ihn wie ein echter Vater, und das Paar nimmt ihn 1983 wieder mit nach Bremen. Doch als vor einigen Jahren eine latente Anti-Erdogan-Stimmung in Deutschland aufkommt, will Aytekin am liebsten zurück in die Türkei. Aber inzwischen hat er selbst Familie, eine russischstämmige Frau und zwei Kinder. Nach langen Gesprächen entscheidet die Familie, in Bremen zu bleiben.  

Mittendrin statt nur dabei

Für Gökhan Aytekin ist die deutsche Kultur gut, er macht gerne Radtouren mit seinen Kindern, begleitet seine Tochter zum Ballett und fragt sich, warum ihm im "ganz normalen Leben" so wenig türkischstämmige Landsleute begegnen. Ihm liegt das Miteinander aller Menschen am Herzen, schließlich haben alle auch ein ähnliches, wenn nicht gleiches Alltagsprogramm. Nur weil die einen kein Schweinefleisch essen, müssen sie vor den anderen keine Angst haben, appelliert er und freut sich, dass sein Kumpel bei der Grillparty einen extra Grill nur für Geflügel und Rind bereit hält.

Das ist eine gute Gesellschaft. Da muss man einfach ein bisschen mehr wagen und sagen "Jetzt geh' ich mal zu Thomas und will mit den Kindern mal raus."

Eklat bei der Fahrprüfung

In der "Gesprächszeit" erinnert sich Aytekin auch schmunzelnd an eine Anekdote aus seiner Jugendzeit. Das eigene Auto war damals schon gekauft, als Gökhan durch die Fahrprüfung fällt. Er ist sauer, lässt den Wagen stehen und läuft davon. Nach einer Entschuldigung bekommt er vom Fahrlehrer eine zweite Chance und erlebt einen weiteren, schönsten Moment in seinem Leben: den Führerschein zu bekommen.

Wir sind, glaube ich, 20 Minuten, gefahren. Und dann hat er mir dieses kleine Plastik rübergereicht und alles Gute gewünscht.

Dass sich Erwachsene sogar bei Kindern entschuldigen können, hat Gökhan Aytekin bei deutschen Familien beobachtet und schneidet sich eine Scheibe ab. Ihm zuzuhören macht Mut, dass es nach und nach tatsächlich gelingen könnte, zu einer vielfältigen Gesellschaft zusammen zu wachsen – wenn jeder seinen Teil dazu beiträgt.

Moderation: Mario Neumann

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 10. Januar 2020, 18:05 Uhr

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