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Gerhard Henschel

Schriftsteller

4. April 2019, 21:05 Uhr

Gerhard Henschel hat keine Geheimnisse vor seinen Lesern. In seinen autobiografischen Romanen erzählt er akribisch sein Leben nach. Dabei trifft er das Lebensgefühl einer ganzen Generation und gilt als "Biograf der Babyboomer". Das jüngste Buch seines Lebensprojekts heißt ganz einfach "Erfolgsroman".

Gerhard Henschel [Quelle: DPA, Uwe Zucchi]
Gerhard Henschel [Quelle: DPA, Uwe Zucchi]

Gerhard Henschel ist 1962 geboren und in seinem Romanprojekt mittlerweile in den frühen Neunzigerjahren angekommen. Unter dem Titel "Erfolgsroman" – dem achten Band – erzählt von ersten Erfolgen als Autor im gerade wiedervereinten Berlin. Die Alltagsbeschreibungen werden mit historischen Schnipseln ergänzt: Zeitungstexte, Zitate aus Büchern, Briefe oder Meldungen aus der Tagesschau. Die Erinnerungen entstammen nicht nur Henschels Gedächtnis, sondern auch einem geräumigen und – wie er sagt – "mäuse- und feuersicheren" Archiv im Keller seines Hauses vor den Toren Hamburgs. Außerdem sucht er Erinnerungshilfe bei seinen eigenen Romanfiguren:

Es ist immer wieder so, dass ich kleine Romanpassagen an andere schicke und oft kommen die dann verbessert zurück. Und ich freue mich natürlich, wenn sich dadurch der Wahrheitsgehalt der Romane verbessert. Ich habe tatsächlich Romanfiguren, die mitarbeiten. Ich weiß nicht, ob es noch einen anderen Autor auf der Welt gibt, der dieses Vergnügen genießt.

Chronist seiner Jugendjahre

Von der frühen Kindheit bis zum 30. Geburtstag hat Gerhard Henschel bislang sein Leben chronologisch beschrieben. Besonders gern hat er seine Jugendjahre zu Papier gebracht:

Noch einmal ein egozentrischer und miesepetriger Pubertierender zu sein und 500 Seiten lang schlechte Laune auszulassen an den Lesern. Das machte mir sehr viel Vergnügen.

Mit Gegenwind muss gerechnet werden

Gerhard Henschel ist auch als Satiriker bekannt und hat unter anderem für die Zeitschrift "Titanic" geschrieben. Mit seinen Satiren hat er sich natürlich die eine oder andere Beschwerde eingehandelt:

Als ich einmal behauptet habe, dass eine ostdeutsche Kleinstadtbevölkerung beschlossen habe, ihre eigene Stadt zu vernichten und in Schutt und Asche zu legen. Oder aus der Gesamtgemeinde Vallender, als ich diese als städtebauliche Rumpelkiste bezeichnete. Aber wer sich aus dem Fenster hängt als Satiriker, muss natürlich auch mit Gegenwind rechnen.

Nun auch auf Wanderschaft schreibend

Buchcover: Erfolgsroman [Quelle: Hoffmann und Campe Verlag]
Gerhard Henschel: Erfolgsroman, Hoffmann und Campe Verlag, 2018 [Quelle: Hoffmann und Campe Verlag]

Neben Satiren, Sachbüchern, Reportagen und Romanen schreibt Gerhard Henschel neuerdings auch Wanderbücher. Gemeinsam mit dem Autor und Fotografen Gerhard Kromschröder war er unterwegs auf den Spuren von Arno Schmidt und Wilhelm Busch und im letzten Jahr auf den Spuren der Gebrüder Grimm in der hessischen Provinz, wo die beiden argwöhnisch beäugt wurden als vermeintlicher Vortrupp einer Einbrecherbande.

Auch der nächste Band seines autobiografischen Romanprojekts ist längst in Arbeit – der "Schauerroman" wird in die ostdeutschen Bundesländer der Neunzigerjahre führen. Insgesamt sind noch fünf Bände geplant. Schließlich möchte Henschel das Projekt erst beenden, wenn er sich selbst eingeholt hat im Hier und Jetzt. Nach seinen Berechnungen wird das in ungefähr 20 Jahren der Fall sein.

Das Gespräch zum Anhören:
"Ich habe Romanfiguren, die mitarbeiten" – Autor Gerhard Henschel [38:32 Minuten]

Moderation: Christine Gorny

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 4. April 2019, 21:05 Uhr

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