Livestream

Bremen Zwei Sendungen Gesprächszeit

Gesprächszeit

Bahman Nirumand

Exil-Iraner und Autor

10. Oktober 2019, 21:05 Uhr

Bis heute ist seine Heimat Iran sein Sehnsuchtsland. Ein Land, in das er nicht reisen kann. Bahman Nirumand, der in Deutschland studiert hatte, geriet erst in Konflikt mit dem Schah-Regime, dann mit der Islamischen Republik von Chomeini, die vor 40 Jahren etabliert wurde. "Mein Leben ist vollständig verbunden mit dem Schicksal dieses Landes", sagt Nirumand.

Bahman Nirumand [Quelle: Radio Bremen, Birgit Kolkmann]
Bahman Nirumand [Quelle: Radio Bremen, Birgit Kolkmann]

Das Gespräch zum Anhören:
"Heimweh habe ich immer!" – Exil-Iraner Bahman Nirumand [37:40 Minuten]

Bahmand Nirumand kam schon als Kind nach Deutschland – und zwar allein. 1950 schickten seine Eltern den 12-Jährigen von Teheran in die Bundesrepublik. Deutsch konnte er kaum. Nach einem Jahr hielt er es auf dem Internat der Herrnhuter Brüdergemeinde nicht mehr aus, fuhr nach Stuttgart und suchte sich im Telefonbuch eine neue Schule heraus – die "Freie Waldorfschule". Dort war er Mitschüler von Ferdinand Porsche, lebte in Gastfamilien und begann, "Schätze" zu sammeln:

Es war eine sehr, sehr wunderbare Zeit für mich, vor allem meine Deutschlehrerin hat sich sehr um mich gekümmert. Und sie hat mich bewogen, mich viel intensiver mit der deutschen Literatur auseinanderzusetzen, so dass ich später auch Germanistik und Philosophie studiert habe.

Mauern für den freien Geist im Schah-Regime

Schon 1964 promovierte Bahman Nirumand über den Einfluss Brechts auf das zeitgenössische persische Theater. Und er kehrte in den Iran zurück, wurde Dozent an der Teheraner Universität.

Ich habe also große Gedanken gehabt, wie ich meinem Land helfen kann. Alle diese Schätze, die ich gesammelt hatte, wollte ich dort einsetzen und meinem Land helfen, dazu beitragen, sich zu entwickeln. Und leider stieß ich an Mauern.

Flucht vor drohender Verhaftung nach Deutschland

Bahman Nirumand, der aus einer monarchistischen Beamtenfamilie stammt, erlebte das Schah-Regime als Marionettentheater der Amerikaner. Er wurde zu Parties eingeladen, bei denen die Gäste nackt waren. Es gab Orgien, die Oberschicht lebte im Überfluss. Sie versuchte "bis zum Exzess das Pseudo-Europäische zu betreiben". Die Demokratie war in Wirklichkeit eine Farce, es gab keinen freien Raum, erzählt der Schriftsteller Nirumand in der "Gesprächszeit". Es war eine goldverzierte Welt rund um den Schah.

Nirumand musste als kritischer Geist fliehen, um seiner Verhaftung zu entgehen. 1965 kam er zurück nach Deutschland, wo ihn der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, den er im Teheraner Goethe-Institut kennen gelernt hatte, ermutigte, ein Buch zu schreiben. "Persien – Modell eines Entwicklungslandes" wurde zu einem Bestseller, für Rudi Dutschke war es eines der drei wichtigsten Bücher neben der Mao-Bibel.

Schlüsselfigur der deutschen 68er

Bahman Nirumand, der junge Autor, wurde für die Studentenbewegung eine Schlüsselfigur. Seinen Vortrag an der Freien Universität Berlin am Vorabend des Schah-Besuchs hörten am 1. Juni 1967 fast 4.000 Menschen. Die iranische Botschaft hatte bis zuletzt versucht, diesen Auftritt zu verhindern, drohte sogar mit der Absage des Schah-Besuchs in Berlin.

Der Rektor der Universität hat allem Druck stand gehalten, hat gesagt: Die Universität ist autonom und da lässt er sich nicht hineinreden und die Veranstaltung muss stattfinden. Und das alles war die beste Werbung für mein Buch.

Bahman Nirumand hat damals Zeitgeschichte mitgeschrieben.

Das war keine Studentenbewegung, es war eine kleine Kulturrevolution, was in Deutschland stattgefunden hat. Ich glaube, es war der Sprung Deutschlands vom 19. ins 20. Jahrhundert. Das ist durch die 68er Jahre gekommen.

Nirumand war damals enger Vertrauter von Rudi Dutschke, war auch befreundet mit Ulrike Meinhof und erinnert sich in der "Gesprächszeit" an sein letztes, stundenlanges Gespräch mit ihr, in dem er versuchte, sie vom bewaffneten Kampf, vom Abgleiten in den Terrorismus abzubringen. Es sei ihm nicht gelungen, sagt Nirumand. Danach  habe er sie nicht mehr gesehen.

Voller Hoffnung zurück nach Teheran und erneute Flucht

Vor 40 Jahren am 1. April 1979 wurde die Monarchie im Iran abgeschafft und die Islamische Republik als neue Staatsform etabliert. Als der Schah das Land verlassen hatte, ging auch Nirumand zurück in den Iran – wieder voller Hoffnung auf eine Demokratisierung seines Landes. Diese Zeit war eine der glücklichsten in seinem Leben, sagt Nirumand. Doch schnell zeigte sich, dass die Islamische Republik unter Ayatollah Chomeini keine Demokratie brachte – wieder musste er fliehen, erst anderthalb Jahre in den Untergrund und dann auf abenteuerlichen Wegen zurück nach Deutschland.

So wurde Bahman Nirumand zu einem berühmten Flüchtling in Deutschland. In seinen Büchern geht es auch immer um das Fremdsein in Deutschland, das er nie überwunden hat. Er ist ein Wanderer zwischen den Welten mit ständiger Sehnsucht und Heimweh nach den iranischen Bergen, der Landschaft und der menschlichen Solidarität.

Irgendwie ist mein Leben vollständig verbunden mit dem Schicksal dieses Landes. Manchmal frage ich mich, warum. Ich bin jetzt inzwischen viel länger in der Bundesrepublik oder in Deutschland, als im Iran. Und trotzdem: Alle meine Aufmerksamkeit, alle meine Sinne sind darauf gerichtet.

Moderation: Birgit Kolkmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 10. Oktober 2019, 21:05 Uhr

Mehr interessante Gespräche:

Cellist Kian Soltani Schauspielerin Neda Rahmanian Beate Klarsfeld, Journalistin und politische Aktivistin
Gesprächszeit
Mehr zur Sendereihe "Gesprächszeit"