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Antje Große-Entrup

Tatortreinigerin

15. August 2019, 18:05 Uhr

Antje Große-Entrup hat sicherlich den ungewöhnlichsten Job der Unternehmer und Firmengründerinnen, die in dieser Woche zu Gast in der Gesprächszeit sind. Sie war die erste Tatortreinigerin Deutschlands und macht den Job inzwischen seit fast 20 Jahren. Ihr erster Einsatz? Die Reinigung eines Tatorts nach einem Ehestreit. Er endete mit Selbstmord durch eine abgeschnittene Schrotflinte.

Eine Frau steht vor einer grauen Wand [Quelle: Radio Bremen, Hendrik Plaß]
Anje Große Entrup [Quelle: Radio Bremen, Hendrik Plaß]

Das Gespräch zum Anhören:
"Was Sie sehen, werden sie immer im Kopf behalten" – Tatortreinigerin Antje Große-Emtrup [36:03 Minuten]

Antje Große-Entrup fängt an, dann sauberzumachen, wenn andere aufhören oder gar nicht erst kommen. Sie säubert Tatorte von Gewaltverbrechen und Suiziden, bringt Messi-Wohnungen wieder auf Vordermann und reinigt auch Wohnungen, in denen massenhaft Tiere gehalten wurden.

"Man muss damit umgehen können"

Nur zwei Prozent von Antje Große Entrups Aufträgen resultieren aus Gewaltverbrechen. Deutlich häufiger sind Suizide und Menschen, die nach längerer Zeit tot in ihren Wohnungen aufgefunden werden. Man muss damit umgehen können, sagt sie.

Viele denken: "Je öfter man das sieht, desto mehr stumpft man ab." Aber so ist es nicht. Sie sehen ein Verbrechen oder einen Tatort. Und das was Sie sehen, das werden sie immer im Kopf behalten.

Ohne Antje Große-Entrup hätte es die Serie "Der Tatortreiniger" mit Bjarne Mädel als Tatortreiniger "Schotty" wahrscheinlich nie gegeben. Denn sie hat diesen Job hierzulande erst erfunden. Die Idee dazu entstand als eines Tages die Frage aufkam: Wer macht da eigentlich sauber? Wer hilft den Menschen in dieser Situation?

Experimente im eigenen Keller

Eigentlich wollte sie nur eine Lösung finden. Und so begann Antje Große-Entrup im eigenen Keller zu experimentieren und Tatorte nachzustellen.

Ich hab zu Hause einen alten Luftschutzkeller gehabt. Und dann hab ich angefangen mit Schweineblut und mit Teppichresten verschiedene Situationen darzustellen und versucht – mit den damals erwerblichen Mitteln – das bestmögliche Ziel zu erreichen.

Vor der Tatortreinigung modelte sie durch die Show-Welt

Heute leitet Antje Große-Entrup ein Unternehmen mit über 30 Mitarbeitern und ist auch international gefragt. Vor ihrer Zeit als Tatortreinigerin hat sie als Model gearbeitet und auch mehrere Jahre in London gelebt. Sie hat gut verdient in der Zeit, aber wirklich glücklich war sie nicht.

Ich musste hungern. Man wird tagtäglich von den Agenturen gewogen. Ich habe nicht gegessen. Also habe ich mich ausgemergelt. Diese Show-Welt, damit bin ich nicht klargekommen.

So schmiss sie den Job von einem auf den anderen Tag hin und fing an, ihre Idee von der Tatortreinigung umzusetzen. Wobei sie oft erstmal Seelsorgerin ist, denn bei ihren Aufträgen trifft sie immer wieder auf verzweifelte Angehörige der Opfer.

Die Tatortreinigung kommt immer an zweiter Stelle. Ich denke, dass das was ganz Schlimmes ist, was man dort erfahren hat. Ob das jetzt ein Suizid, ein Mord oder einfach ein Todesfall ist. Es ist einfach schlimm, einen Menschen zu verlieren und es ist schön, wenn man dann jemanden hat, mit dem man reden kann.

Manchmal fließen auch bei ihr die Tränen, sagt Antje Große-Entrup. Aber sie würde niemals einen Fall ablehnen, weil es ihr zu emotional ist. Dann hätte ich den falschen Beruf gewählt, sagt sie.

Moderation: Hendrik Plaß

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 15. August 2019, 18:05 Uhr

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