Livestream

Bremen Zwei Sendungen Gesprächszeit

Gesprächszeit

Andreas Schleicher

Bildungsforscher und Direktor für Bildung und Kompetenzen der OECD

11. November 2019, 18:05 Uhr

Der Lehrer erzählt und die Kinder hören brav zu – "Das ist ein Bildungssystem aus einer längst vergangenen Zeit", sagt Bildungforscher Andreas Schleicher, der die berühmten Pisa-Tests entwickelt hat. 2001 hat er die Deutschen mit der ersten Pisa-Studie aus dem Dämmerschlaf geweckt, als er ihren Kindern im internationalen Vergleich bestenfalls Mittelmaß bescheinigte.

Andreas Schleicher [Quelle: DPA, Grigory Sysoev/Sputnik]
Andreas Schleicher [Quelle: DPA, Grigory Sysoev/Sputnik]

Das Gespräch zum Anhören:
"Unser Bildungssystem ist veraltet" – Pisa-Papst Andreas Schleicher [38:00 Minuten]

Für das deutsche Bildungswesen spielt Andreas Schleicher mit seinen alle drei Jahre wiederkehrenden Pisa-Studien eine wichtige Rolle. Dass seine Forschungsergebnisse zum Bildungstand der Kinder in OECD-Staaten aber eine so große Dynamik in Deutschland entwickelten, war damals nicht abzusehen. Für viele westlich geprägte Industrieländer war ihr Platz im Pisa-Vergleich eine Überraschung. Viele hatten sich viel besser eingeschätzt.

Der Spiegel, in dem man sich selber sieht, zeigt einem viele Dinge, die man nicht gut findet oder an denen man arbeiten will.

"Die Welt verändert sich"

Schleicher ist überzeugt: Wir dürfen nicht mehr für die Vergangenheit lernen, sondern müssen uns fit machen für die Zukunft. Denn die Welt, in der wir leben, belohnt uns nicht mehr dafür, was wir wissen, sondern dafür, dass wir etwas mit unseren zentralen Lösungskompetenzen anfangen können. Trigonometrie zum Beispiel erledigen heute Computer. Dafür sei das Verständnis für Algorhythmen oder für Phänomene wie den Klimawandel enorm wichtig. Auswendig gelerntes Faktenwissen dagegen? Überholt! Google liefert heute schnellere, bessere und um fassendere Informationen.

Bildung ist ein sehr konservatives Umfeld, aber die Welt verändert sich. Im Grunde wird der Abstand von dem, was wir von jungen Menschen erwarten, und dem, was die Schulsysteme leisten, nicht kleiner, sondern größer.

Schleicher war selbst "ungeeignet" fürs Gymnasium

Andreas Schleicher hat die Tücken des deutschen Schulsystems selbst erlebt. 1974 war er zehn Jahre alt und sein Grundschullehrer stellte fest: "Der Junge ist ungeeignet fürs Gymnasium".

Mir fiel die Schule schwer. Ich habe "Lernen" außerhalb der Schule im Jugendorchester gelernt, muss ich sagen. Dinge wie Zuhören, Anstrengungsbereitschaft, Begeisterung, im Team zu arbeiten. All das kam für mich durch die Musik –nicht durch die Schule.

Fehlermachen gehört dazu

Auf der Waldorf-Schule fühlte sich der junge Andreas viel besser aufgehoben und schloss am Ende das Abitur mit einer Note von 1,0 ab. Mit einer Spracherkennungssoftware gewann er einen Sonderpreis bei "Jugend forscht". Raum zum Experimentieren, Raum zum Fehlermachen – das fordert Schleicher auch für die heutigen Kinder. Die Offenheit für Neues weckte am Ende auch sein Interesse für Bildung: Als Zivildienstleistender arbeitete er in einer Schule für Kinder mit Lernbehinderungen.

Ich habe dort mit Kindern gearbeitet, von denen viele einen völlig normalen Lebensweg hätten haben können. Die im Grunde auf dieser Schule waren, weil das häusliche Umfeld so defizitär war, dass die Regelschulen damit nicht zurecht gekommen sind und einfach die Schüler abgeschoben und – ehrlich gesagt – abgeschrieben haben.

Bremen schneidet regelmäßig eher schlecht ab im Bundesländervergleich der Pisa-Studie. In der Gesprächszeit erzählt Andreas Schleicher, wo es weltweit besser läuft und wo es noch größere Defizite gibt. Außerdem nimmt er Stellung zu den Vorwürfen, die der Pisa-Studie immer wieder gemacht werden und schlägt vor, was in unserem Schul- und Bildungssystem besser gemacht werden sollte. Denn eines ist für Schleicher klar:

Die Welt ist nicht mehr weiß oder schwarz.

Moderation: Jutta Günther

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 11. November 2019, 18:05 Uhr

Mehr interessante Gespräche:

Tobias Apel, Realschullehrer aus Bramstedt Mai Thi Nguyen-Kim, Quarks-Moderatorin und Chemikerin Malin Uhlhorn, Schülerin aus Kirchweyhe
Gesprächszeit
Mehr zur Sendereihe "Gesprächszeit"