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Abbas Khider

Schriftsteller

20. Juni 2019, 18:05 Uhr

Zum Weltflüchtlingstag am 20. Juni rückt es wieder in unser Bewusstsein: Millionen Menschen sind vor Umweltkatastrophen, aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen auf der Flucht. Vor 19 Jahren kam auch Abbas Khider aus dem Irak nach Deutschland. Inzwischen hat er hier ein Zuhause gefunden und einen humorvollen Ratgeber geschrieben: "Deutsch für alle".

Abbas Khider [Quelle: Hanser, Peter-Andreas Hassiepen]
Abbas Khider [Quelle: Hanser, Peter-Andreas Hassiepen]

Mit der deutschen Sprache ist das so eine Sache: Wer nicht mit ihr aufwächst, hat reichlich Gelegenheit, sich beim Lernen und Sprechen schwer zu tun. Nach vier Romanen hat Abbas Khider einen humorvollen Ratgeber darüber geschrieben, wie man die deutsche Sprache reformieren und aufräumen könnte, um Nicht-Muttersprachlern den Schrecken vor dem Deutschen zu nehmen:

Besonders schrecklich sind die Umlaute, die phonetisch für Menschen aus arabischen und afrikanischen Ländern wirklich eine Zumutung sind. Auch ich habe bis heute Schwierigkeiten mit ihrer Aussprache. Außerdem gibt es viel zu viele Ausnahmen von vermeintlichen Regeln. Bei den unregelmäßigen Verben zum Beispiel oder bei den Steigerungsformen. Hier könnte man viel vereinfachen und logischer machen.

Deutsche Sprache wird Zufluchtsort vor der Folter im Irak

Buchcover: Deutsch für alle [Quelle: Hanser Verlag]
Abbas Khider: Deutsch für alle, Hanser Verlag, 2019 [Quelle: Hanser Verlag]

Statt "schwimmen, schwamm, geschwommen" hieße es in Khiders "neudeutscher" Sprache dann "schwimmen, schwimmte, geschwimmt" – so wie es Vorschulkinder doch ohnehin instinktiv sagen, so Khider schmunzelnd. Nach fast 20 Jahren in Deutschland hat er sich aber – trotz erwähnter Schwierigkeiten – mit der deutschen Sprache versöhnt. Sogar mehr als das: Sie half ihm bei der Verarbeitung seiner Erlebnisse im irakischen Gefängnis. Eine dramatische Zeit, in der Folter und willkürliche Exekution von Gefangenen zum Alltag gehörten. Verarbeitet hat er das in seinem Roman "Die Orangen des Präsidenten", den er 2011 auf Deutsch verfasste:

Ich habe viele traurige Momente erlebt im Irak und auf meiner anschließenden Flucht durch mehrere Länder. Erfahrungen, über die ich nicht auf Arabisch schreiben wollte, weil dann die ganzen Erinnerungen wieder in mir aufgeflammt wären. Insofern war die deutsche Sprache so etwas wie ein Zufluchtsort für mich. Sie bot mir eine Art Rückzugsraum und war wie eine Mutter, die mich mitgenommen hat. Und weil es mir wichtig war, mit meinen Geschichten die Menschen in dem Land zu erreichen, in dem ich jetzt lebe, blieb mir letztlich auch keine Alternative, als auf Deutsch zu schreiben.

Angekommen in Deutschland

Heute fühlt sich Abbas Khider längst in Deutschland angekommen und in mancher Hinsicht sogar mehr als ein "Abbas Müller-Schmidt" als ein "Abbas Khider".

Natürlich ist mir Ordnung wichtig und ich lege Wert darauf, dass Menschen ihren Job vernünftig machen. Die Steuererklärung ist mir ein Graus und ich rege mich auch gerne über Aussagen des Gesundheitsministers und des Innenministers auf. Das sind beides echte Komiker.

Warum "Hitler", "Lufthansa" und "Scheiße" die ersten drei deutschen Wörter waren, die er kennenlernte, welche Rolle Sprache und Literatur in seinem Leben spielt und warum die lange Unterhose hierzulande eigentlich ein Denkmal verdient hätte – darüber spricht Abbas Khider in der Gesprächszeit.

Das Gespräch zum Anhören:
"Besonders übel sind Umlaute" – Abbas Khider [38:45 Minuten]

Moderation: Christian Erber

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 20. Juni 2019, 18:05 Uhr

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