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Wortmusik aus der Tiefe des Raumes

Radio-Collage für Ror Wolf

30. Juni 2018, 18:05 Uhr

Ror Wolf (Archivbild) [Quelle: DPA, Uwe Anspach]
Ror Wolf [Quelle: DPA, Uwe Anspach]

Ein akustisches Porträt des Schriftstellers Ror Wolf, der mit seinen legendären Fußball-Collagen im Radio berühmt wurde.

Von Ror Wolf stammt der Satz: „Das Fußballspiel ist nicht die Fortsetzung des Lebens, sondern das Leben ist die Fortsetzung des Fußballspiels.“ Das Bekenntnis eines Dichters, der wie wenig andere das literarische Spiel mit Worten beherrscht als letzter großer "Wortmusiker" der deutschen Nachkriegsliteratur. Ein Meister der Collage, der als "Fußball-Poet" berühmt geworden ist und als Lyriker, Romancier, Hörspielautor und Bildkünstler die Wirklichkeit grandios gegen den Strich gebürstet hat.

Geboren wurde er 1932 in Thüringen, lebte nach dem Zweiten Weltkrieg in der DDR, die er 1953 verließ, um in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft, Soziologie und Philosophie unter anderem bei Theodor W. Adorno und Walter Höllerer zu studieren. Sein erstes Buch "Fortsetzung des Berichts" erschien 1964. Legendär sind seine Fußball-Hörspiele aus den siebziger Jahren, die er virtuos aus akustischen Versatzstücken seiner Stadionbesuche und Radio-Mitschnitten komponierte. Bis heute hat Ror Wolf die unbändige Lust am Fabulieren nicht verloren.

Michael Augustin und Walter Weber haben ihn in seiner "Dichterklause" besucht, auf dem Kupferberg in Mainz, wo er seit vielen Jahren lebt. Gemeinsam mit ihm haben sie einen akustischen Parforceritt durch sein Leben und sein Werk unternommen.

Ror Wolf im Schöffling Verlag

Sprecher: Peter Kaempfe
Ton und Technik: Klaus Schumann
Regie: Walter Weber
Redaktion: Michael Augustin
Produktion: Radio Bremen 2017

Frühe Jahre

Der Spross einer Handwerkerfamilie taucht bereits als Kind in die Welt der Poesie ein, aus der er ein Leben lang nicht mehr herauskommen wird. Ror Wolf selbst betont im Rückblick: "Als ich angefangen habe zu lesen mit fünf oder sechs Jahren, hat das, was ich gelesen habe, Einfluss auf mich genommen. Also beispielsweise auch – sage ich ganz klar – Wilhelm Busch. Das erste wesentliche Leseerlebnis meines Lebens war Wilhelm Busch, die ‚Gesammelten Gedichte‘ von Wilhelm Busch. Deswegen reime ich wahrscheinlich noch. Ich mag den Reim, ich mag ihn, obwohl er eigentlich ausgeleiert ist insgesamt vielleicht, aber das macht mir nichts aus. Ich will reimen! Ich hab auch reimlose Gedichte geschrieben, nur um dem vorzubeugen, aber wenn ich in guter Stimmung bin, dann mag ich das.“

Ror Wolf wächst während des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges in der thüringischen Provinz in Saalfeld auf. Seine Jugendjahre verbringt er in der DDR, an die er keine guten Erinnerungen hat. Die Familie wird enteignet und die Mutter für ein Jahr inhaftiert. Der junge Ror Wolf muss sich alleine durchschlagen. Da ihm das Universitätsstudium verwehrt bleibt, wird er Betonbauer. In diesem Beruf erlebt er den Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953, der ihn endgültig dazu bringt, die DDR zu verlassen und nach Westdeutschland überzusiedeln.

Ror Wolf (Archivbild) [Quelle: Imago, epd]
Ror Wolf [Quelle: Imago, epd]

Im Westen

Die erste Station in der neuen Heimat ist Stuttgart, wo sich Ror Wolf zunächst mit Gelegenheitsjobs durchschlagen muss, bevor er in Frankfurt am Main sein Studium beginnen kann. Zugang zur Literatenszene findet er 1959 als Redakteur der Studentenzeitschrift "Diskus", einem Periodikum mit Kultstatus, in dem er seinen literarischen Neigungen freien Lauf lassen kann und Autoren wie Ludwig Harig, H.C. Artmann und Franz Mon fördert. Bestrebungen, die er fortsetzen kann, als er 1961 Literaturredakteur beim Hessischen Rundfunk wird. Doch nach Differenzen mit der Redaktionsleitung verlässt Ror Wolf den Sender wieder.

Der Literat

1964 erscheint im Suhrkamp Verlag Ror Wolfs erster Roman „Fortsetzung des Berichts“. Ein mit halluzinatorischer Wortgewalt komponiertes Stück Experimentalprosa. Vom Schriftstellerkollegen Peter Handke gefeiert als "erster ernstzunehmender Versuch, für den Strom des Bewusstseins eine neue sprachliche Form zu finden". Damit hat der Literat Ror Wolf in kompromissloser Weise die bundesdeutsche Kulturszene auf sich aufmerksam gemacht, und als schreibender Nonkonformist ist er sich selbst bis heute treu geblieben.

altes Radiogerät [Quelle: Radio Bremen]

Der Radiomacher

"Radio war ein nächtliches Ereignis. Es hatte etwas angenehm Gefährliches, etwas zart Unerlaubtes. Und die Dunkelheit war gewissermaßen Voraussetzung für ein konzentriertes und zugleich sinnliches Hörabenteuer." Mit diesen Worten aus seiner Dankesrede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden beschreibt Ror Wolf 1988 seine lebenslange Affinität zum Medium Radio. Ihm bleibt er auch nach seinem Ausscheiden als Literaturredakteur beim Hessischen Rundfunk treu. Ab den siebziger Jahren wird er bekannt durch seine virtuos komponierten Radio-Collagen und Hörspiele, wie "Der Chinese am Fenster" (1971), "Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke aus Nord-Amerika" (1986) oder "Die Vorzüge der Dunkelheit" (2012).

Bilder vom Abschiedsspiel von Ailton [Quelle: Radio Bremen]

Fußballcollagen

Aus dem Radio kommen nicht nur die Stimmen der Dichter und die Klänge des Jazz, die Ror Wolf so liebt, sondern aus ihm schallt auch die Magie des Massensports Fußball ins Ohr des passionierten Hörers. Aus dem Zuhören entsteht Leidenschaft für diesen Sport und die Erkenntnis, dass sich aus dem "Sound" des Fußballs und der Sprache der Radiokommentatoren "konkrete" Poesie erzeugen lässt – der Ausgangspunkt für die berühmten Fußballcollagen, die Ror Wolf in den siebziger Jahren in mühevoller Kleinarbeit komponiert: "Ich habe vier Apparate miteinander in Verbindung gebracht und dort dieses Material, das ich aufgenommen habe, selbst aufgenommen; habe auf dem Fußballplatz, im Stadion, in den Kabinen mit den Spielern, vom Radio, die Reportagen miteinander in Verbindung gebracht. Es ist einer der hauptsächlichen Züge, die ich als Autor habe: Beharrlichkeit und Konsequenz, Radikalität. Wenn ich etwas machen will, dann mache ich das. Natürlich ist Manipulation im Spiel; Aufsplitterung, Kontraktion, Neuzusammensetzung von Sätzen, Satzfolgen und Spielverläufen. Die gewaltigen Wortstrudel, die Aufschwünge und Abstürze werden auf engstem Raum zusammengedrängt. Genutzt wird der Sog, der Dampf der Reportagen. Die Sprechrituale, ihre charakteristische Metaphorik, ihre Dramatik."

Ror Wolf: Die plötzlich hereinbrechende Kälte im Dezember [Quelle: Schöffling Verlag]
Ror Wolf: Die plötzlich hereinbrechende Kälte im Dezember. Gedichte. Mit zahlreichen farbigen Collagen; Schöffling Verlag; 128 Seiten; 24,95 € [Quelle: Schöffling Verlag]

Der Bildkünstler

Wer Ror Wolfs Bücher kennt, weiß dass es neben dem "Virtuosen des Wortes" auch einen surrealen Bildkünstler zu entdecken gibt. Visuelle Collagen, die das Pendent zu seinen Radiocollagen sind. Arbeiten, die er selbst allerdings als kreative "Nebenbeschäftigungen" wertet: "Ich habe mich nie als bildender Künstler gesehen. Ich meine, die Collagen, die ich gemacht habe, sind für mich wunderbare Möglichkeiten gewesen, mich eine Weile dem Schreiben zu entziehen und dem Wortzwang zu entziehen. Es sind Beruhigungsarbeiten, eine angenehme Abendbeschäftigung." Aber zugleich Ausdruck eines ungebrochenen Schaffenswillens, der Ror Wolf auch im hohen Alter nicht verlassen hat: "Ich bin ein Autor geworden, um mich Hierarchien zu entziehen, um mich Aufgaben zu entziehen, die ich nicht lösen wollte. Ich wollte meine eigenen Aufgaben lösen. Ich habe niemals Konzessionen gemacht. Und ich habe eigentlich niemals Konzessionen machen müssen. Dieses Glück hatte ich. Und ich habe nicht eine einzige Zeile veröffentlicht, die ich nicht veröffentlichen wollte, die nicht in mein literarisches Konzept passt."


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