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30 Jahre Mauerfall

Die friedliche Revolution

6. November 2019

November 89: In Ost und West war die Rede von Aufbruch und Hoffnung. Die friedliche Revolution in der DDR war erfolgreich, die Zeit der Abschottung von einem Tag auf den anderen vorbei, die Wiedervereinigung plötzlich eine Möglichkeit. Was ist aus der Aufbruchstimmung geworden?

Menschen sitzen und stehen auf der Berliner Mauer. Davor Volkspolizisten [Quelle: Imago, Dieter Matthes]
Friedliche Demonstranten, ratlose Volkspolizei: An der Berliner Mauer standen sie sich gegenüber. [Quelle: Imago, Dieter Matthes]

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk war damals 22 und lebte in Ostberlin und hat diese Aufbruchsstimmung erlebt. Jetzt, 30 Jahre später, hat er ein Buch geschrieben mit dem Titel "Die Übernahme".

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk war 22 Jahre alt, als die Mauer fiel. Er lebte in Ostberlin und erlebte die Aufbruchsstimmung. "Es war eine gewollte Übernahme", sagt er 30 Jahre später.

Autor/-in: Tom Grote
Länge: 4:50 Minuten
Datum: Mittwoch, 6. November 2019
Sendereihe: Online | Radio Bremen

"Es war eine gewollte Übernahme," sagt Kowalczuk. Er war 22 Jahre alt, als die Mauer fiel, und lebte in Ostberlin. Er erlebte die Aufbruchsstimmung. 30 Jahre später hat er ein Buch geschrieben mit dem Titel "Die Übernahme". Der Fall der Mauer sei nicht das epochemachende Ereignis gewesen, sagt er; viel wichtiger war die Eroberung der Freiheit in den vorhergehenden Monaten und die Selbstermächtigung der Bürger. Das Ziel der friedlichen Revolution waren die freien, demokratischen Wahlen im März 1990.

Und da hat eine Mehrheit von 75 Prozent genau für den Weg votiert, der dann auch die Wiedervereinigung bestimmt hat. Das muss man so deutlich sagen.

Auf Euphorie folgt Ernüchterung

Am 1. Juli 1990 wurde die D-Mark Zahlungsmittel in der DDR – "genau das, was die meisten auch wollten". Und damit kamen die Institutionen der alten Bundesrepublik und die westdeutschen Eliten in den Osten, um den Sozial- und Rechtsstaat und das Wirtschaftssystem aufzubauen. Das sei die Übernahme gewesen. In der Folge verlor ein Drittel der Erwerbstätigen ihre Arbeit. Schlimmer als dieser Verlust sei jedoch etwas anderes gewesen: Zur Arbeitsgesellschaft der DDR gehörte ein dichtes Netz an gesellschaftlichen und kulturellen Institutionen, dieses Netz ging verloren. Und so verloren die Menschen ihre kulturellen Identitäten.

Das ist der Phantomschmerz, mit dem wir uns auch heute noch rumschlagen müssen.

Die Kraft der Montagsdemos

4. November 1989, Ost-Berlin: Rund 500.000 Menschen demonstrieren auf dem Alexanderplatz. Auf bunten Plakaten werden die Mächtigen aufs Korn genommen. Das DDR-Fernsehen überträgt live. Auf der Rednerliste stehen mehr als 20 Namendarunter  die Schriftstellerin Christa Wolf, Schauspieler Ulrich Mühe, Regimekritiker Jens Reich und Kirchenvertreterin Marianne Birthler und Gregor Gysi, damals SED-Politiker.

4.11. 1989, Ostberlin: Demonstranten mit Spruchbändern, auf denen Presse- und Demonstrationsfreiheit gefordert wird.  [Quelle: DPA/picture alliance, Peter Zimmermann]
Fünf Tage nach der machtvollen Demonstration in Ostberlin und anderen Städten inder DDR wurde die Grenze geöffnet. [Quelle: DPA/picture alliance, Peter Zimmermann]

4. November 1989, Ost-Berlin: Rund 500.000 Menschen demonstrieren auf dem Alexanderplatz. Auf bunten Plakaten werden die Mächtigen aufs Korn genommen. Das DDR-Fernsehen überträgt live. Auf der Rednerliste stehen mehr als 20 Namen – nicht nur die von SED-Gegnern und Bürgerrechtlern. Seit September waren in der ehemaligen DDR die Menschen auf der Strasse: In Leipzig versammelten sie sich schon seit September allwöchentlich zu den Montagsdemosntrationen. Einer, der die Demonstrationen hautnah erlebt hat, ist der Schriftsteller Ingo Schulze.

Autor/-in: Tom Grote
Länge: 4:36 Minuten
Datum: Montag, 4. November 2019
Sendereihe: Der Morgen | Bremen Zwei

Diese Veranstaltung war wohl der Höhepunkt der Montagsdemonstrationen, die in Leipzig schon seit Anfang September stattfanden. Der Schriftsteller Ingo Schulze war das erste Mal am 2. Oktober dabei. Es habe ihn schon etwas Mut gekostet, erzählt er. Aber es war an der Zeit, sich zu beteiligen:

Ich hatte schon Angst. Aber die Demonstranten hatten ja gerufen 'Wir bleiben hier!'. Ich wollte ja hier bleiben und dachte dann, jetzt musst du gehen, sonst wird das alles unglaubwürdig, was du gesagt hast.

Ingo Schulze

Eine Woche später, am 9. Oktober, habe sich etwas verändert:

 Es war die große Euphorie am 9. Oktober. Das war der Punkt,  an dem es eine friedliche Revolution wurde…. Und da schien es mir völlig unausweichlich, dass wir einen demokratischen Sozialismus aufbauen werden.

Kolonisation deluxe statt Vereinigung

Es sei damals darum gegangen, den Staat zu reformieren, auf allen Ebenen hätte es Veränderungen geben müssen. Dass es anders kam, habe vor allem an den Menschen in Ostdeutschland gelegen, sagt Schulze. Mit demokratischen Wahlen und Mehrheitsbeschlüssen sei die demokratische Macht an die Bonner Regierung abgegeben worden.

Und das ist das, was ich bedaure: Dass wir Ostdeutschen nicht länger durchgehalten haben, und die Dinge erstmal unter uns geklärt haben. Dann hätte es die Chance zu einer wirklichen Vereinigung gegeben. Jetzt konnte es nur ein Beitritt werden, .. so ne Art Kolonisation deluxe.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 4. November 2019, 07:35 Uhr.

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