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Premiere in Bremen

Wajdi Mouawads "Vögel" am Goetheplatz

29. September 2019

Das Stück "Vögel" war bei seiner Uraufführung in Paris im vorletzten Jahr eine Herausforderung für das Publikum. Trotzdem wurde es zum großen Erfolg im Theatre National de la Colline.Hauptstadt. In dieser Spielzeit ist es im Theater am Goetheplatz in deutscher Fassung zu sehen. Marcus Behrens war bei der Premiere.

Szene aus 'Vögel' von Wajdi Mouawad [Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg]
Yahya Gaier und Deniz Orta in der Bremer Fassung von "Vögel" von Wajdi Mouawad. [Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg]

Das, was ich gestern Abend im Theater am Goetheplatz in Bremen gesehen und gehört habe, ist mit Abstand die beste Schauspielproduktion der vergangenen Jahre hier in der Stadt. Die leitende Regisseurin der Schauspielsparte, Alize Zandwijk, hat das Stück in dieser Spielzeit auf die Bühne des Großen Hauses gebracht – ein Stück, dass bis zum Sommer 2020 alleine in Deutschland an fast 20 Theatern neu auf dem Spielplan stehen wird. Fünf Premieren gab es alleine im September.

Fantastische "Vögel" von Wajdi Mouawad – Gespräch mit Marcus Behrens [5:46 Minuten]

Die Geschichte dreht sich um den Konflikt unter verschiedenen Religionen und Völkern, hier sind es Araber und Juden, ist aber beliebig übertragbar auf alle anderen Religionen, die im Alltag eben doch kein Miteinander kennen, finden oder finden wollen.

Zentrale Frage: Ist Leid vererbbar?

Der Israel-Palästina-Konflikt ist natürlich das Vorzeigemodell dieser Problematik und Wajdi Mouawad, der eigentlich immer auch seine eigene Geschichte – ob nun erlebt oder aus Erzählungen von Familie und Freunden – mit in seine Stücke einbringt, greift hier auch auf eine Zeit zurück, die teilweise vor seinem eigenen Leben liegt. Mouawad wurde 1968 im Libanon geboren und verließ das Land als kleiner Junge mit seinen Eltern zuerst nach Frankreich, dann nach Kanada bevor er nun seit einigen Jahren wieder in Frankreich lebt und arbeitet.

Szene aus 'Vögel' von Wajdi Mouawad [Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg]
Emi Borgeest als "Eitan Zimmermann". [Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg]

In "Vögel" wird der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern ebenso thematisiert, wie die jüngere deutsche Geschichte – in Berlin und in Form von Norah, die in der DDR aufgewachsen ist und erst nach dem Fall der Mauer zum Judentum findet und von David, der mit seinem Vater aus Israel hierher zurückgekehrt ist. Wie zionistisch David ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass er es unter keinen Umständen duldet, dass sein Sohn Eitan, der sich in New York in Wahida, eine Frau mit arabischen Wurzeln, verliebt hat, diese Frau auch heiratet.

Das Original "Tous les Oiseaus" von Wajdi Mouawad ist vier Stunden lang, in denen nur Englisch, Deutsch, Hebräisch und Arabisch gesprochen wird – so war es in der vorletzten Saison in Paris wochenlang ausverkauft im Theater National de la Colline, dem Theater, dessen Direktor der Autor seit 2016 ist. Auch auf Tour in Frankreich war es ein Erfolg. In Deutschland kam es in der vergangenen Spielzeit erstmals auf die Bühne, ebenfalls viersprachig, in Stuttgart, auch in Wien gab es vor kurzem einen viersprachige Premiere. Nun also Bremen in der deutschen Fassung. Nicht ganz einsprachig, es ist auch etwas Arabisch dabei, sehr gelungen eingebaut.

Der Hauptgrund, warum dieses Stück an den meisten Theatern in Deutschland in der deutschen Fassung aufgeführt wird, liegt im Mangel an Schauspielerinnen und Schauspielern in den Ensembles, die diese anderen Sprachen auch sprechen. Das Original in Paris wurde für das französische Publikum übertitelt – und für diese Übertitel war ein Mann verantwortlich, der auch die komplette deutsche Übersetzung dieses Werks übernommen hat: Uli Menke. Es ist eine gelungene Übersetzung eines fremdsprachigen Werks für die Bühnen bei uns im Land.

Klare Aussage: Ich bin einer von Euch!

Für die Bremer Fassung wurde im Originaltext heftig gestrichen – und zwar ziemlich perfekt. Zu sehen war eine Version, in der ich auf Deutsch nichts vermisst habe im Text – und die mit zwei Stunden und 20 Minuten mehr als ein Drittel kürzer war, als das Original. Der Abend beginnt auch mit einer der schönsten Liebeserklärungen, die ich jemals gehört habe. "Vögel" ist insgesamt ein sehr ruhiges Stück, ein Stück zum Zuhören und Weiterdenken. Text und Schauspielende machen dies möglich, Musik und Bühnenbild halten in Bremen etwas dagegen.

Szene aus 'Vögel' von Wajdi Mouawad [Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg]
Große Liebe: Deniz Orta und Emil Borgeest. [Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg]

So naiv das vielleicht klingen mag, so umfassend erklärt die Geschichte des Stücks die Problematik im Alltag, in unser aller Alltag. Dieses Stück verlangt es geradezu, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer aufmerksam dem Text folgen können, die brillant besetzten Rollen helfen in Bremen dabei ungemein. Natürlich vergleiche ich, da ich das Original in Paris gesehen habe. Dort gibt es zwar auch ein Bühnenbild – aber es ist sehr reduziert auf wenige Requisiten, sehr dunkel. Ruhig. Die eigens für das Werk komponierte Originalmusik wird vom Band zugespielt, sie ist sanft und setzt Akzente, wo Bedarf besteht.

In Bremen hingegen ist alles weiß, es wird geschrieben und projiziert – das Bühnenbild schreit das Publikum förmlich an und die akustisch live gespielte, aber elektrisch verstärkte Musik vom Bühnenrand ist zeitweise lauter als der Text, um den es doch eigentlich geht. Die Kraft dieses Werks liegt in seinen Worten, es ist kein Konzert. Die Musik von Marrtje Teussink ist für sich genommen gut, aber das Werk hat Originalmusik, die ich von diesem Platz nicht werfen möchte und eigentlich funktioniert es auch ganz ohne  Musik. Es funktioniert auch ohne Showeffekte. Und von welchem aktuellen Stück kann man sowas heute noch sagen?!

Szene aus 'Vögel' von Wajdi Mouawad [Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg]
Deniz Orta "Ich bin Araberin". [Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg]

Wenn dieser Text nicht so großartig, die Übersetzung nicht so gelungen und die Schauspielerinnen und Schauspieler nicht so brillant wären, dann hätte das Bühnenbild in Bremen wirklich alles kaputt machen können. Nicht nur die Projektionen von Vogelscharen haben etwas von Waldorfschule, die ganze Ausstattung war mir viel zu esoterisch, wobei die Kostüme sehr passend waren. Irgendwo dazwischen war die Grenze. Bei Mouawad sind die Vögel nicht so plakativ, nicht so massiv auftretend. Die einzelnen Kapitel sind mit Eigenschaften überschrieben, die dann einem Vogel zugeschrieben werden – also "Ziervogel", "Zufallsvogel", "Unglückvogel"… und daraus wird am Ende im Original "Alle Vögel".

Der Text war auf den Punkt und die Schauspielerinnen und Schauspieler des Bremer Ensembles habe ich lange nicht mehr so in ihren Rollen aufgehen sehen! Das Publikum hielt es am Schluss dann auch nicht mehr auf den Sitzen. Zu recht! Und Alize Zandwijk hat man Erleichterung  und Freude angesehen, als sie dann auf die Bühne geholt wurde von ihren Schauspielerinnen und Schauspielern. Es wird schwer sein, diese Inszenierung im Schauspiel in dieser Spielzeit in Bremen noch in den Schatten zu stellen. Großes Kompliment!

Hinweis:: Die nächsten Vorstellungen von "Vögel" im Theater am Goetheplatz in Bremen am 5., 20. und 31. Oktober, im November und Dezember.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 29. September 2019, 8:40 Uhr

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