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Premierenkritik

"Überleben" – redlich aber ratlos

Uraufführung am Oldenburgischen Staatstheater

1. März 2020

Darf man den Fall des Serienmörders Niels Högel auf die Theaterbühne bringen? Das Oldenburgische Staatstheater wagt dieses Projekt. Die freie Theatergruppe "Werkgruppe2" hat gemeinsam mit dem Oldenburger Ensemble ein dokumentarisches Theaterstück erarbeitet. Unsere Theaterkritikerin Christine Gorny hat sich die Premiere angeschaut.

Szene aus 'Überleben' am Oldenburgischen Staatstheater [Quelle: Oldenburgisches Staatstheater, Stephan Walzl]
Das Ensemble im Bühnebild. [Quelle: Oldenburgisches Staatstheater, Stephan Walzl]

Obwohl es um eine unvorstellbare Mordserie geht, heißt das Stück "Überleben", weil der Fokus eben gerade nicht auf Niels Högel liegt, sondern auf denen, die überlebt haben,also alle, die mit dieser Vergangenheit nun weiterleben müssen. 25 von ihnen wurden für das Stück interviewt, sagt Regisseurin Julia Roesler. So sollen die Geschichten der Opfer gewürdigt werden.

Wohlwollende Premieren-Atmosphäre trotz viel Skepsis im Vorfeld

Für Angehörige gab es eine extra Vorpremiere, sie saßen also nicht im Publikum. Die Zuschauer der Premiere sind wohlwollend und offen mit dem Stück umgegangen. Zum einen mag das daran liegen, dass es überhaupt nicht effekthascherisch angelegt ist. Außerdem nehmen die Akteurinnen und Akteure selbst auf der Bühne Stellung, warum das Theaterstück notwendig ist:

Das Gericht kann nicht ... das Opfer ins Recht setzen, also in das Recht, was es verdient, mit all seiner Lebensgeschichte. Deshalb ist das Theater als öffentlicher Ort durchaus angemessen.

Redlich aber ratlos: "Überleben" in Oldenburg [4:45 Minuten]

Der Part des Theaters besteht darin, die Opfer in den Mittelpunkt stellen. Zu den Stilmitteln gehört dabei ein Bläsertrio, das für einen stimmigen Soundtrack sorgt.

Szene aus 'Überleben' am Oldenburgischen Staatstheater [Quelle: Oldenburgisches Staatstheater, Stephan Walzl]
Nientje C. Schwabe, Caroline Nagel, Ksch. Thomas Lichtenstein. [Quelle: Oldenburgisches Staatstheater, Stephan Walzl]

Dokumentarisches Erzählen mit vielen offenen Fragen

In der Mitte der Bühne steht ein krankenhausweißer Kasten, wie ein Treppenhaus. Drumherum noch drei Sitzbänke. Zwei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler tragen jeweils einen Monolog vor, zusammengestellt aus den diversen Interviews. Die Akteur*innen diskutieren immer wieder untereinander und versuchen darüber hinaus, das Publikum durch Fragen einzubeziehen. Beispielsweise wie ein passendes Denkmal für die Opfer aussehen könnte. Das Stück gibt keine gerichtsfesten Antworten, eher Spekulationen. Im Kern scheint es der Inszenierung gerade darum zu gehen, dass weiter nach Antworten gesucht werden muss:  Wer ist verantwortlich für den Justizskandal? Was muss sich im System der Kliniken ändern? Wie entsteht Solidarität mit den Opfern statt kollektiver Verdrängung?

Szene aus 'Überleben' am Oldenburgischen Staatstheater [Quelle: Oldenburgisches Staatstheater, Stephan Walzl]
Das Oldenburger Ensemble. [Quelle: Oldenburgisches Staatstheater, Stephan Walzl]

Redlich aber ratlos

"Überleben" ist eine Art Gedenkveranstaltung, die es ja nie gegeben hat für die Opfer, also ein verdienstvoller Beitrag zur Erinnerungskultur. Andererseits war der Abend doch stellenweise sehr akademisch, oftmals zäh und einmal sogar im Wortsinne schleppend, wenn etwa Grünpflanzenkübel minutenlang durchs Treppenhaus getragen werden. Es gab bewegende Szenen mit den Aussagen der Angehörigen, Überlebenden, Ex-Kollegen, bei den Diskussionen durchaus interessante Denkanstöße, aber insgesamt blieb es diffus, als ob die eigene Ratlosigkeit  ans Publikum weiter gegeben würde.

Hinweis: Die nächsten Vorstellungen sind am 5., 13. und 21. März 2020 um 20 Uhr..

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 1. März 2020, 11:20 Uhr

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