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Oldenburgisches Staatstheater

Überleben

Eine Probenreportage

27. Februar 2020

Darf man den Fall des schlimmsten Serienmörders der deutschen Nachkriegsgeschichte auf die Theaterbühne bringen? Und das noch nicht einmal ein Jahr nach dessen Verurteilung? Das Oldenburgische Staatstheater wagt dieses Projekt. Es ist ein dokumentarisches Theaterstück, das die Morde des ehemaligen Krankenpflegers Niels Högel in Oldenburg und Delmenhorst thematisiert.

Szene aus dem Theaterstück "Überleben" im Staatstheater Oldenburg. [Quelle: Radio Bremen]
Probenszene [Quelle: Radio Bremen]

"Überleben" am Oldenburgischen Staatstheater [3:34 Minuten]

Das Bühnenbild im kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters ist minimalistisch. Mittelpunkt ist ein weißes, drehbares Treppenhaus. Vier Schauspielerinnen und Schauspieler stehen mal darin oder sitzen auch davor. Drei Musiker mit Posaune, einem Saxofon und einer Trompete simulieren die Geräusche auf einer Intensivstation. Regisseurin Julia Rösler verfolgt im Zuschauerraum die Probe. Große Regieanweisungen gibt sie nicht. Sie vertraut auf die Ausdruckskraft der professionellen Schauspieler und Musiker: 

Anders als bei einem geschriebenen Drama, ist es bei uns so, dass wir wissen, irgendwann kommen die Angehörigen ... Alle wissen, sie tragen Verantwortung, und das ist natürlich etwas ganz Besonderes.

Julia Rösler, Regisseurin

Dokumentarisch

Das Theaterstück "Überleben" ähnelt einem Dokumentarfilm. Roesler und ihr Team haben im Vorfeld zahlreiche Interviews geführt. Sie sprachen mit Angehörigen der Mordopfer, ehemaligen Kollegen des Serienmörders, mit Psychologen und Theologen. Auf der Bühne geben die Schauspieler die Aussagen wieder, mit allen Versprechern, Ähs oder Halbsätzen.

Szene aus dem Theaterstück "Überleben" im Staatstheater Oldenburg. [Quelle: Radio Bremen]

Viel Skepsis im Vorfeld

Was nicht in Worte gefasst werden kann, versuchen die Musiker mit eigens komponierten Stücken auszudrücken. Das Projekt wurde anfangs von vielen Angehörigen der Mordopfer abgelehnt. Auch Christian Marbach war zunächst skeptisch. Sein Großvater gehörte zu Högels Opfern.

Als wir das erste Mal davon gehört haben, waren wir schockiert. Das war in der Woche vor dem Prozessbeginn. Da hatten wir keine Idee, warum ein Theaterstück über den Mörder gemacht werden soll. Ich habe mich dann mit den beiden Leiterinnen der Werkgruppe getroffen zu einem längeren Austausch, wir haben uns über die Taten, über die Geschichte an sich ausgetauscht, um einen Anfang der Recherche zu bieten. Daraufhin habe ich entschieden, das Projekt auch zu unterstützen.

Christian Marbach, Angehöriger

Marbach und andere Angehörige öffneten sich schließlich doch für das dokumentarische Theater-Projekt. Regisseurin Julia Roesler erklärt das damit, dass der Mörder Niels Högel selbst keine große Rolle spielt. Sein Name wird zwar erwähnt, aber er wird nicht als Person verkörpert und seine Beweggründe spielen keine Rolle.

Anspannung

Kurz vor der Premiere steigt die Nervosität bei allen Beteiligten. Das Bühnenstück will die Geschichten, die Emotionen und auch die Leere sichtbar machen, die im Strafprozess gegen Högel keinen Raum gefunden haben.

Wir glauben, wenn solche Ereignisse in einer Stadt passieren, bedarf es mehr gesellschaftlicher Aufarbeitung. Wir versuchen, Anstoß zu geben, nochmal differenzierter darüber nachzudenken, was hier eigentlich in unserer Stadt passiert ist.

Julia Roesler

"Überleben": Premiere am 29. Februar

Weitere Termine: 05.03., 13.03., 21.03., 04.04., 17.04, 24.04., 16.05., 17.05. und 03.06.2020

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 28. Februar 2020, 7:40 Uhr

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