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Premiere in Bremen

Aus weiter Ferne so nah: "Mütter" im Foyer

9. Mai 2019

Seit vergangenem Herbst haben sich 14 Frauen, die in Bremen leben, regelmäßig mit der Regisseurin Alize Zandwijk und der Dramaturgin Liet Lenshoek getroffen – und Geschichten zusammengetragen, die nun im Foyer des Theaters am Goetheplatz in Bremen zur Aufführung gebracht wurden. Der Abend hatte den Titel "Mütter" – und die Darstellerinnen sind alle selbst Mütter. Jetzt war Premiere. Marcus Behrens hat sie sich angeschaut.

Eine Mutter am Muttertag im Studio: Manuela Fischer [6:31 Minuten]

Die Frauen erzählen – singen und tanzen aus ihrem Leben – ihrem Leben als Mütter – und auch über ihre Mütter. Sofort ist eine Verbindung zum Publikum aufgebaut. Die Geschichten sind sehr emotional, sehr authentisch – und vielleicht auch gerade deswegen sehr unterhaltend. Es wird ein Bogen gespannt von der Geburt bis zum Tod, dazwischen geht es um Liebe, Heimat, Familie, um Orte und Erlebnisse, die in Erinnerung bleiben, um Lieblingsrezepte und auch um Lieblingsmenschen, um Sprache und am Ende ist klar, dass alle etwas mitgenommen haben auf ihrer Reise durch das Leben… Das Ganze spielt in einem zu Küche und Restaurant umgebauten Foyer im Theater am Goetheplatz. Nein, es ist keine Kulisse. Die Küche ist genauso echt und wird benutzt, wie das Publikum auf Holzstühlen, -bänken und an -tischen sitzt.

Neue Geschichten halten die brillante Idee am Leben

Die 14 Frauen kommen aus den unterschiedlichsten Teilen der Welt – sie alle hat es irgendwann zu uns verschlagen. Mal direkt – mal auf Umwegen. Niedersachsen und die ehemalige  DDR, Sudan und das ehemalige Rhodesien – Osteuropa, Südamerika… am verrücktesten: der Weg aus Afrika über das Elsass nach Bremen, alle Sprachen inbegriffen. Alize Zandwijk ist ja seit Jahren die künstlerische Leiterin des Schauspiels am Theater Bremen – und sie hat dieses Projekt zusammen mit der Dramaturgin Liet Lenshoek bereits 2006 in Rotterdam auf die Beine gestellt. Der Abend in Bremen fühlte sich aber nicht an, wie etwas Aufgewärmtes, oder wie eine Kopie. Diese Idee lebt von und mit den Frauen, die sie ausfüllen.

Szene aus 'Mütter' am Theater Bremen [Quelle: Theater Bremen]

Natalie Shtefunyk, Samira Kawaf, Khouloud Jawish, Valentina Rojas Loa Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg

Szene aus 'Mütter' am Theater Bremen [Quelle: Theater Bremen]

Dorothea Lichte, Maria Mazolli, Zeinab Mohamedosman, Michaela Okwosha, Manuela Fischer, Nomazulu Thata, Kiki Anani Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg

Szene aus 'Mütter' am Theater Bremen [Quelle: Theater Bremen]

Valentina Rojas Loa, Nomazulu Thata, Michaela Okoshawa Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg

Szene aus 'Mütter' am Theater Bremen [Quelle: Theater Bremen]

Kholoud Jawisch, Natalie Shtefunyk, Dorothea Lichte, Nomazulu Thata, Kiki Anani, Alev Zengin, Zeinab Mohamedosman Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg

Die Frauen kochen tatsächlich – während der Geschichten gibt es bereits Brot und Hummus und Tee, nach zwei Stunden dann auch etwas Warmes zu essen. Gleich zu Beginn kündigt eine der Frauen an, dass sie heute ein Gericht aus Westafrika zaubert – und dass es scharf sein wird! Der immer stärker werdende, wunderbare, magische Geruch afrikanischer Gewürze war am Ende wirklich das Einzige, was meine Aufmerksamkeit immer mal wieder kurz von Geschichten weggeführt hat… Hier in der Foyer-Küche des Theaters ist gestern Abend etwas gelungen, was im Alltag so oft nicht funktioniert: Menschen zusammen zu bringen, die sich aufgrund ihre Kultur, ihrer Nationalität, ihrer Sprache, Ihres Alters… sonst vermutlich niemals begegnet wären. Aber damit nicht genug!

Beeindruckende Nähe zum Publikum

Die 14 Frauen kommen auch dem Publikum sehr nah – die Küche bildet dafür den perfekten Rahmen. Die Frauen erzählen aus ihrem Leben, von Ihren Müttern und ihren Kindern, ihre Geschichten werden schnell zu unseren Geschichten, Gefühlen… die wir mitnehmen und weitertragen. Jede(r) für sich und alle zusammen. Und auch wenn einiges, was diese Frauen aus ihrem Leben erzählen, oft ganz weit von schönen Erlebnissen entfernt ist, so ist es an diesem Abend für alle zusammen eine gemeinsame Welt – Poesie, Slam-Poetry, Rap, Volks- und andere Lieder ergänzen die Geschichten, die überwiegend auf Deutsch, aber auch teilweise in anderen Sprachen erzählt werden.

Am Ende bleibt das Gefühl, diesen Frauen tatsächlich begegnet zu sein – aber nicht in einem Theater, nicht in einer Inszenierung, nicht geplant… sondern zufällig in einer Küche. Man ist ins Gespräch gekommen und hat neue Freundinnen gefunden.

Die ganze Welt in einer Pop-up-Küche: Gespräch mit Marcus Behrens [4:29 Minuten]

Info: Das Projekt aus Rotterdam (2006) ging damals auf Tour durch Europa und war u.a. auch in Bremen zu Gast (falls sich jemand erinnert), außerdem ist auch in Luzern (Schweiz) auf die Beine gestellt worden.

Liet Lenshoekist eine niederländische Dramaturgin, von 2006 bis 2016 war sie zusammen mit Alize Zandwijk verantwortlich für die künstlerische Leitung des Ro Theaters in Rotterdam. Zandwijk war in dieser Zeit mehrfach in Bremen zu Gast und ist seit 2016 künstlerische Leiterin und leitende Regisseurin der Schauspielsparte des Theaters Bremen.

Hinweis: Weitere Vorstellungen am 13., 21. und 22. Mai sowie im Juni.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 9. Mai 2019, 10:10 Uhr

Theater-Premieren