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Festival in Bremen

Miteinander leben leicht gemacht: Mittenmang

31. Mai 2019

Im Theater Bremen steht noch bis Sonntag das Mittenmang-Festival auf dem Programm. Man könnte "Mittenmang" auch als ein norddeutsches Wort für den Begriff "Inklusion" verstehen – denn genau darum geht es: Alles zusammen, jede(r) für die oder den Anderen. Zum dritten Mal treffen sich in Bremen behinderte und nicht behinderte Künstlerinnen und Künstler zu diesem Tanz- Theater- und Performance-Festival. Diesmal sind 15 Ensembles aus acht Ländern dabei. Dabei geht es vor allem um die Frage der Identität. Was oder wer sind wir? Was wären wir ohne die Anderen? Natürlich ist das Bremer Blaumeier Atelier gut vertreten an diesen fünf Tagen – aber es gibt auch eine ganze Reihe von Gastspielen.

Im Theater Bremen steht noch bis Sonntag das Mittenmang-Festival auf dem Programm. Man könnte "Mittenmang" auch als ein norddeutsches Wort für den Begriff "Inklusion" verstehen – denn genau darum geht es: Alles zusammen, jede(r) für die oder den anderen. Dabei geht es vor allem um die Frage der Identität. Was oder wer sind wir? Was wären wir ohne die Anderen? Natürlich ist das Bremer Blaumeier Atelier breit vertreten an diesen fünf Tagen – aber es gibt auch eine ganze Reihe von Gastspielen.

Autor/-in: Andree Pfitzner im Gespräch mit Marcus Behrens
Länge: 4:55 Minuten
Datum: Freitag, 31. Mai 2019
Sendereihe: Bremen Zwei | Bremen Zwei

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Miteinander leben leicht gemacht: Mittenmang

Das Festival erfüllt gleich eine ganze Reihe von Aufgaben, bzw. es macht eine ganze Reihe von Angeboten, die es sonst im regulären Theaterbetrieb in Deutschland nicht gibt – es geht also noch über die eigentliche Idee hinaus, dass Menschen mit und ohne Behinderung Theater für Menschen mit und ohne Behinderung machen.

Die Stücke werden zum Beispiel aus dem Englischen simultan ins Deutsche übersetzt, zumindest einige werden auch in die Deutsche Gebärdensprache übersetzt; außerdem werden Stücke in Einfache Sprache übersetzt, es gibt zum Teil eine Audiodeskription für Blinde und Sehbehinderte usw.

Das große Zauberwort hier ist "Zugänglichkeit" – und das ist ein Wort, das im Deutschen in diesem Zusammenhang fast niemand verwendet. Im Englischen geht es um "Accessibility" (bei uns wird dann immer von "Barrierefreiheit" gesprochen). Aber das vielleicht nur am Rande.

Sowas bekommen wir hier nur selten zu sehen in Bremen

Es war sehr voll bei den Gastspielen gestern Abend – und das erste von Claire Cunningham aus Schottland und dem in Berlin lebenden US-Amerikaner Jess Curtis war eine Lektion in Contact Improvisation. Das ist etwas, was wir aus der Welt des Tanzes kennen: Es geht um Bewegungen, die durch das Berühren von Mittanzenden andere Bewegungen auslösen – dazu braucht es ganz viel Vertrauen unter allen Beteiligten.

Jess Curtis und Claire Cunningham [Quelle: Mittenmang, Robby Sweenie]
Claire Cunningham und Jess Curtis in Aktion. [Quelle: Mittenmang, Robby Sweenie]

Cunningham wurde mit Osteoporose geboren und geht und tanzt an und mit Krücken – und an dem Abend bringt sie Curtis bei, was man alles an und mit Krücken machen kann. Dabei wird das Wort "Krücken" bewusst immer wieder benutzt – also im Englischen "crutches"…

Eigentlich war die "relaxed performance", so war der Abend untertitelt, auf rund 100 Minuten angesetzt – es waren dann mal eben 30 Minuten mehr am Ende. Aber alle Menschen im Saal waren so gespannt auf das, was die beiden da machen und erzählen – und gefesselt von dem, was es zu sehen und zu hören gab, dass diese Verlängerung locker mitgenommen wurde, auch wenn es das restliche Abendprogramm durcheinandergebracht hat.

Inhaltlich geht es um das Miteinander in dieser Welt und um die Welt an sich und um Gewohnheiten und um die Wahrnehmung von anderen Menschen um uns herum… das Ganze wurde auch noch mit philosophischen Einwürfen intensiviert. Es gab also wirklich sehr viel zum Sehen, Hören und auch zum drüber nachdenken.  Das alles lebte auch von einer Mischung aus britischem und amerikanischem Humor, sogar in den Übersetzungen.

"Choreographie hat nichts mit Tanz zu tun"

Es fielen zwischendrin auch so wichtige Sätze wie "Choreographie hat nichts mit Tanz zu tun", wobei ich hinzufügen möchte, dass Tanz und Choreographie bei dieser Vorstellung absolut nicht im Mittelpunkt standen – es ging um wesentliche Dinge aus dem Alltag – am Beispiel, was man alles mit Krücken machen kann und was Krücken mit einem machen können.

Das Publikum war eingeladen, auf der Bühne zu sitzen – zu liegen – zu stehen. Viel Platz blieb da nicht mehr für die beiden Akteure. Aber es war genau diese Nähe, die den Abend zu einem ganz besonderen Erlebnis gemacht hat. Zu Beginn wurden wir aufgefordert, selbst zu entscheiden, wann wir eine Pause brauchen – und dann den Saal einfach zu verlassen und wiederzukommen. Etwas, was ich mir von "normalen" Theaterabenden auch manchmal wünsche… an diesem Abend machte aber fast niemand von diesem Angebot Gebrauch.

"Mittenmang" ist Bremens einzigartiges Theaterfestival. Das inklusive Theater-, Tanz- und Performanceprogramm bringt mehr als 200 behinderte und nicht behinderte Künstlerinnen und Künstler aus acht Ländern für fünf Tage auf die Bremer Bühnen. Andreas Meder ist Festivalveranstalter und Geschäftsführer der Lebenshilfe Gesellschaft zur Förderung von Kunst und Kultur in Mainz.

Autor/-in: Andree Pfitzner im Gespräch mit Andreas Meder
Länge: 5:26 Minuten
Datum: Donnerstag, 30. Mai 2019
Sendereihe: Bremen Zwei | Bremen Zwei

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In den USA und auch in Großbritannien ist man im Alltag übrigens viel weiter als bei uns – da ist es ganz normal, dass einzelne Vorstellungen eines jeden Theaterstücks "accessible", also zugänglich angeboten werden – sei es nun mit einer Audiodeskription der Ereignisse für Blinde/Sehbehinderte oder in Gebärdensprache übersetzt. So wird es zumindest allen Menschen möglich gemacht, sich das anzuschauen und/oder anzuhören, was sie interessiert. Der Aufwand dafür ist nicht gering: Die Gebärdendolmetscherin gestern Abend hatte nach 130 Minuten sicher genau so viel Energie aufgewendet, wie die beiden Akteure selbst.

Theater ist ein großartiges Feld, um Menschen mit und ohne Behinderung zusammenzubringen – es hat z.B. auch den Effekt, dass die Menschen im Publikum sehen, wie – und vor allem, dass – ein Miteinander auf der Bühne funktioniert und dann in der Pause, im Anschluss und bestenfalls fortan im Leben das Gesehene auch in den Alltag übertragen.

Bremer Blaumeier Atelier und viele internationale Gäste

Auf dem Festival gibt es noch bis Sonntag ganz viel von dem zu sehen, was das Bremer Blaumeier Atelier geschaffen hat – aber es gibt auch Gastspiele und die sind alleine schon deshalb sehr zu empfehlen, weil wir sowas in dieser Vielfalt hier nur selten zu sehen bekommen in Bremen – zum Beispiel das Theater HORA aus der Schweiz oder das Theater Stap aus Belgien und es gibt an jedem Nachmittag Straßentheater und Konzerte auf dem Goetheplatz.

Ich habe aus dem Stück gestern Abend ganz viel mitgenommen und ich frage mich, ob es nicht fast schon zu viel Inhalt war, um diesen auch in Einfacher Sprache oder in Gebärdensprache wirklich zu vermitteln?! Dazu kommt, dass zum Beispiel Gehörlosen in anderen Ländern eine viel bessere Ausbildung zur Verfügung steht, was bedeutet, dass sie auch mehr von dem verstehen, was um sie herum passiert. Das ist immer noch ein Problem hier in Deutschland.

Jetzt könnten wir auch noch über das andere Gastspiel gestern Abend sprechen – es hatte den Titel "Wot? No Fish!!" aber das würde den Rahmen hier sprengen… mein Vorschlag: Schauen Sie sich einfach alles an, was angeboten wird. Kommen Sie mit anderen Menschen und mit den Künstlern in Kontakt. Sie werden auf jeden Fall etwas mit nach Hause nehmen!

Hinweis: Das Mittenmang-Festival im Theater Bremen bietet noch bis Sonntag Vorstellungen und ein Rahmenprogramm an.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 30. Mai 2019, 11:20 Uhr und 31. Mai 2019, 10:10 Uhr

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