Livestream

Bremen Zwei Rubriken Theater-Premieren

Premiere in Bremen

Schottische Sommernacht mit Regen und Musik

24. Mai 2019

Die Bremer Shakespeare Company hat in den zurückliegenden Jahren sehr viele Ausflüge in die Theaterlandschaft jenseits von William Shakespeare gemacht. Kehrt sie jetzt wieder zu ihrem Namensgeber zurück – auf Umwegen? "Midsummer" heißt ein Theaterstück von David Greig aus dem Jahre 2008, das seither oft – vor allem in der englischsprachigen Welt – aufgeführt wurde und es jetzt auch ins Theater am Leibnizplatz in Bremen geschafft hat. Auch dort übrigens in englischer Sprache. Jetzt war Premiere, Marcus Behrens hat sie sich angeschaut.

Linnea George-Kupfer Tim Lee [Quelle: Bremer Shakespeare Company, Marianne Menke]
Linnea George-Kupfer Tim Lee in "Midsummer" im Theater am Leibnizplatz in Bremen. [Quelle: Bremer Shakespeare Company, Marianne Menke]

Vielleicht das gleich vorweg: Es war voll im Theater am Leibnizplatz, ich habe etwas Englisch gehört im Foyer vor Beginn – und die Stimmung war sowohl im Saal als auch auf der Bühne großartig. Alle hatten ihren Spaß.

Träume und Sehnsüchte zwischen Hoffnung und Sackgasse

Linnea George-Kupfer Tim Lee [Quelle: Bremer Shakespeare Company, Marianne Menke]
Linnea George-Kupfer Tim Lee in "Midsummer". [Quelle: Bremer Shakespeare Company, Marianne Menke]

Ich hatte mich richtig gefreut auf diesen Abend – denn ich liebe zeitgenössisches, gut gemachtes englischsprachiges Theater. Das Stück ist zwar inzwischen gut zehn Jahre alt, aber es wurde seither auf und ab gespielt in der englischsprachigen Welt – nach der Premiere im schottischen Edinburgh 2008 – und das Thema ist zeitlos: Zwei Menschen – Helena und Bob – treffen sich in einer Bar. Eine Scheidungsanwältin trifft auf einen Kleinganoven. Beide sind unglücklich in ihrem Leben, beide wollen, dass alles anders – schöner – und vielleicht auch aufregender wird.

Die Handlung führt die beiden durch eine Regennacht im mittsommerlichen Edinburgh – und natürlich auch ins Bett und immer wieder zurück zu einem Parkplatz. Und am Ende ist offen, ob es nicht mehrere Nächte waren – oder ob vielleicht doch alles nur ein Traum war? Hier sind wir dem Shakespeare‘schen Sommernachtstraum sehr nahe, nur dass die Stadt den Wald ersetzt und der Alkohol die Drogen.

"Midsummer" ist nicht gleich Shakespeare: Gespräch mit Marcus Behrens [4:17 Minuten]

Der schottische Autor David Greig hat inzwischen bestimmt 50 Theaterstücke geschrieben oder bearbeitet, die meisten davon sind nicht ins Deutsche übersetzt worden – aber einige sind auch bei uns bekannt, z.B. "Monster", ein Jugendstück, das auch in Deutschland oft auf die Bühne kommt – und er hat eine Reihe von Filmstoffen für die Bühne umgeschrieben, z.B. "Charlie und die Schokoladenfabrik" – jetzt ein Musical im Londoner West End und "Local Hero". Auch "Midsummer" gibt es in deutscher Übersetzung – "Eine Sommernacht" und war hier 2010 am Oldenburgischen Staatstheater zu sehen.

Großartige Lieder-Texte von Gordon McIntyre

Linnea George-Kupfer Tim Lee [Quelle: Bremer Shakespeare Company, Marianne Menke]
Linnea George-Kupfer Tim Lee in "Midsummer". [Quelle: Bremer Shakespeare Company, Marianne Menke]

Das Besondere an dem Stück ist, dass es mit Musik geschrieben wurde – und so greifen die beiden Darsteller – Linnea George-Kupfer und Tim Lee – immer wieder zu Gitarre und Geige und singen ein paar zur Fortsetzung der Handlung passende Strophen. Die Musik hat Greig zusammen mit Gordon McIntyre geschrieben. Und die Songtexte haben alles, was ich mir von einem brillanten, englischen Theaterstück wünsche – der gesprochene Text hingegen, und das hat mich schon gewundert, hat eine bedrohlich Nähe zum Boulevardtheater und es gab eine Handvoll Schenkelklopfer und Schoten, die mich irritiert haben – das Publikum allerdings nicht. Zeitweise wurde lauter gelacht, als die Stimmen der Schauspielenden zu hören waren…

Immer wieder "derb" und manchmal etwas "kitschig"

Linnea George-Kupfer Tim Lee [Quelle: Bremer Shakespeare Company, Marianne Menke]
Linnea George-Kupfer Tim Lee in "Midsummer". [Quelle: Bremer Shakespeare Company, Marianne Menke]

Irgendwas lag mir quer – vielleicht war es die Art, wie die beiden Schauspielenden für mich immer etwas zu präsent waren, zu übertrieben betont haben?! Die Inszenierung springt zwischen dem Spielen der Handlung und dem beobachtenden Erzählen der Geschichte – wobei die Schauspielenden jeweils beides übernehmen.

In der Ankündigung steht "fragil, derb, komisch und leichtfüßig, aber nie kitschig, …eine romantische Komödie, die die Ängste und Wünsche der 'Thirtysomethings' (also der Menschen, die ihren 30. Geburtstag inzwischen hinter sich haben, Anmerk. der Redaktion) humorvoll aufs Korn nimmt" – ich würde davon nur "derb" und sehr wohl "kitschig" gelten lassen.

Die in Bremen lebende US-Amerikanerin Linnea George-Kupfer hat der Bremer Shakespeare Company übrigens den Anstoß gegeben, dieses Experiment zu wagen. Tim Lee, Sohn britischer Eltern und der amerikanische Regisseur Guy Roberts (er hat die Prager Shakespeare Company aufgebaut) vervollständigen das muttersprachlich englische Team – und Renate Heitmann von der Bremer Shakespeare Company hat mir gesagt: "Es wäre doch schön, wenn wir in einigen Jahren ganz selbstverständlich ein 'English Theatre' der Bremer Shakespeare Company hätten, ein zeitgemäßes Angebot für die internationale Stadt?!"

Dieses Ziel unterstütze ich voll und ganz! Und wenn das Haus dann nicht nur zur Premiere so voll ist und das Publikum einen tollen Abend hat, dann ist Bremen um ein wichtiges, kulturelles Angebot reicher!

Dieses Thema im Programm: Bremen, Zwei, 24. Mai 2019, 10:10 Uhr

Hinweis: Die nächsten Vorstellungen im Theater am Leibnizplatz am 31. Mai – und dann im Juni.

Theater-Premieren