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Premiere in Hamburg

Ballett auf den Spuren von Tennessee Williams

2. Dezember 2019

Der US-Amerikaner John Neumeier leitet seit 1973 das Hamburg Ballett. Mit 17 Jahren sah er "Die Glasmenagerie" in einem Theater seiner späteren Universität. Seither hat ihn das Werk von Tennessee Williams nicht mehr losgelassen. Nun hatte "Die Glasmenagerie" als Ballett von Neumeier in der Hamburger Staatsoper Premiere. Marcus Behrens hat es sich angeschaut.

Szene aus 'Die Glasmenagerie' in der Staatsoper Hamburg [Quelle: Kiran West, Kiran West]
Alina Cojucaru in der Hauptrolle der gehbehinderten Laura Rose Wingfield. [Quelle: Kiran West, Kiran West]

Premierenkritik: So amerikanisch kann Ballett nur in Hamburg sein [3:56 Minuten]

Tennessee Williams gehört ohne Zweifel zu den herausragenden Autoren der USA des 20. Jahrhunderts. Seine Werke haben wohl die meisten Menschen entweder gelesen oder im Theater oder im Kino gesehen – allen voran "Endstation Sehnsucht" und "Die Katze auf dem heißen Blechdach". "Die Glasmenagerie" war das erste Stück von Williams, das am Broadway aufgeführt wurde.

Handlungsballett mal ganz anders definiert

Neumeiers Ballettsprache ist eine eigene und das, was man auf der Bühne der Staatsoper Hamburg sah, war Handlungsballett einmal anders, einmal wörtlich genommen. Also nicht einer der – vor allem russischen – "Klassiker", die es überall zu sehen gibt, sondern Ballett, das eine dramatische Handlung vertanzt, die nicht dafür geschrieben wurde – um genau zu sein, sogar zwei Handlungen: Denn Neumeier hat sich sozusagen die für ihn wichtigsten Passagen aus Tennessee Williams Werk "Die Glasmenagerie" und aus der Biographie des Autors selbst vorgenommen. Er lässt seine Tänzerinnen und Tänzer beides zu einer Geschichte zusammensetzen und auf der Bühne "erzählen".

Szene aus 'Die Glasmenagerie' in der Staatsoper Hamburg [Quelle: Kiran West, Kiran West]
Mehr als nur ein ernstes Thema hatte dieser Abend. Die leichteren Momente dazwischen waren dramaturgisch klug gesetzt. [Quelle: Kiran West, Kiran West]

John Neumeier ist eine Welt für sich

Die Personen auf der Bühne tanzen immer, wenn sie sich bewegen. Es gibt kaum Momente, in denen es so aussieht, als würde das Ensemble Schwung holen oder Anlauf nehmen, um die eine oder andere Figur darzubieten. Es gibt kein gesprochenes Wort. Es gibt nur Bewegung und Musik des Orchesters. Nicht nur einmal frage ich mich an diesem Abend: Wie schaffen es Tänzerinnen und Tänzer, sich so viele exakte Bewegungen zu merken? Denn der Abend ist mit gut zweieinhalb Stunden für ein Ballett nicht gerade kurz. Balletttheater wäre ein passender Begriff, den aber bereits anderen Choreographen im Deutschland für sich beanspruchen. John Neumeier aber ist eine Welt für sich.

Theater auf diesem Niveau ist selten in Deutschland. Neumeier ist eine Marke und hinter dieser Marke steckt natürlich auch Geld. Das Bühnenbild ist mehr Filmkulisse, als Bühne – oder vielleicht ist es mehr Broadway, als Stadttheater.

Werk begründete den späteren Weltruhm des Autors

"Die Glasmenagerie" ist ein frühes von vielen (späteren) Dramen des Autors über verkorkste Familien, der damit die Basis seines Erfolgs begründete und aufrecht hielt. Für Neumeier war es der Einstieg in die Welt des Theaters – und offenbar hat es ihn sein ganzes Leben nicht mehr losgelassen. Jetzt war es reif und musste auf die Bühne. Es war also für den Ballettchef ebenso ein wichtiger Punkt in seinem Leben, wie der Erfolg des Theaterstücks ein wichtiger Punkt im Leben des damals noch jungen Tennessee Williams war, der das Theater verändern wollte. Der Untertitel "Ein Spiel der Erinnerungen" ist dabei Programm. Williams hatte die Form des "Erinnerungstheaters" erfunden. Nun sind die Stücke von Williams aber immer auch irgendwo autobiographisch und das war der Ansatzpunkt für Neumeier, Biographie und Werk zu verbinden.

Szene aus 'Die Glasmenagerie' in der Staatsoper Hamburg [Quelle: Kiran West, Kiran West]
Gegensätze: Die Freude über den Sieg im Basketball... [Quelle: Kiran West, Kiran West]

Ballett in einer Perfektion, die man nur selten findet

Perfekter Tanz auf hohem Niveau, sauberes, klares Bühnenbild, makellose Musik des Orchesters. Der Abend hatte viel von einer Show, wie es sie vor allem am Broadway in New York City zu sehen gibt. In den USA wäre das, was Neumeier ausmacht, lange Zeit vermutlich gar nicht so sehr aufgefallen. Aber hier in Deutschland, in Europa war er lange Zeit alleine – und sein Stil ist und bleibt eben sein Stil. Auch die realistischen Kostüme stehen mehr für amerikanisches Showtheater, als für abstrakte, europäische Kunst.

Szene aus 'Die Glasmenagerie' in der Staatsoper Hamburg [Quelle: Kiran West, Kiran West]
...graziös choreographierte Momente am Esstisch. [Quelle: Kiran West, Kiran West]

Die Gasttänzerin Alina Cojucaru in der Hauptrolle der gehbehinderten Laura Rose Wingfield überzeugt, ebenso wie die anderen sieben Hauptrollen und die weiteren dreißig, vierzig Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne. Zur Pause hatte ich das Gefühl, mittendrin in einer Geschichte zu sein, die sich konsequent aufgebaut und immer weiter gesteigert hatte. Zu Ende erzählt war diese Geschichte zu diesem Zeitpunkt keineswegs. Wie also würde es weitergehen? Nach der Pause war ich dann aber doch enttäuscht, weil der zweite Teil sich relativ kleinteilig auf die Familie konzentrierte. Deutlich mehr Theater war, als Ballett, obwohl nach wie vor "nur" getanzt wurde. Schade, dass die aufgebaute Erwartung nicht eingelöst wurde.

Musikalisch bewegt sich das Philharmonische Staatsorchester Hamburg ebenfalls ganz in den USA: Die Musik von Steve Reich gibt die Stimmung vor, die vielen kurzen Stücke von Charles Ives illustrieren die Reise durch die Zeit in der Geschichte und weitere Akzente setzt das Werk von Ned Rorem. Obwohl sich Neumeier im Repertoire dieser Komponisten bedient, wirkt es über weite Strecken so, als wären die Songs oft für die jeweilige Szene komponiert.

Am Ende dann langer Beifall für alle, nicht zuletzt für John Neumeier selbst, dem man ansieht, dass ihm die Leistung seines Ensembles wirklich gefällt.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 2. Dezember 2019, 6:45 Uhr

Hinweis: "Die Glasmenagerie", nach einer Vorlage von Tennessee Williams, Choreographie John Neumeier, getanzt vom Hamburg Ballett ist in der Hamburger Staatsoper zu sehen. Die nächsten Vorstellungen sind am 3., 5., 7., 12. und 13. Dezember 2019, jeweils um 19:30 Uhr.

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