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Premiere in Hamburg

Falk Richter erzählt Geschichten aus Europa

2. Februar 2019

Falk Richter ist einer der angesagtesten, erfolgreichsten – aber auch aktivsten deutschen Theaterautoren und -regisseure der Gegenwart. Und das Thema "Europa" hat es ihm angetan. Doch Europa ist für Falk Richter viel mehr als nur ein Thema. In seiner Vision sind wir noch weit entfernt vom wirklichen Europa, während rechtspopulistische und andere reaktionäre Strömungen die wenigen Gemeinsamkeiten, die Europa inzwischen hat, von allen Seiten angreifen. Jetzt hatte sein jüngstes Werk zum Thema Europa am Thalia in der Gaußstraße in Hamburg seine deutsche Premiere. Marcus Behrens hat es sich angeschaut.

Szene aus 'I am Europe' [Quelle: Theatre National de Strasbourg, Jean-Louis Fernandez]
Szene aus 'I am Europe' von Falk Richter, Uraufführung am Théâtre National de Strasbourg. [Quelle: Theatre National de Strasbourg, Jean-Louis Fernandez]

Das Stück ist eine internationale Co-Produktion; die Uraufführung war vor gut zwei Wochen am Das Théâtre National de Strasbourg im Elsass. Deshalb sind jetzt auch erst einmal nur drei Vorstellungen angesetzt in Hamburg, aber ich hoffe, dass weitere folgen werden. Das Stück hat es auf jeden Fall verdient – oder aber Ihnen begegnet die Aufführung in den kommenden eineinhalb Jahren in anderen europäischen Städten – für Bologna, Stockholm, Saarbrücken, Groningen, Weimar, Paris, Genf, Lüttich, Zagreb und Luxembourg gibt es bereits Termine.

Szene aus 'I am Europe' [Quelle: Theatre National de Strasbourg, Jean-Louis Fernandez]
Szene aus 'I am Europe' von Falk Richter, Uraufführung am Théâtre National de Strasbourg. [Quelle: Theatre National de Strasbourg, Jean-Louis Fernandez]

Für alle, die Falk Richters Arbeit kennen – und damit meine ich seine eigenen Stücke – ist dieses Werk eine konsequente und doch überraschende Fortsetzung seiner vorangegangenen Werke. Zusammen mit acht europäischen Akteuren hat er in Strasbourg dieses Stück entwickelt, das sowohl eine Weiterführung seines Werks "Safe Places" am Schauspiel Frankfurt von vor einigen Jahren darstellt, als auch sein Stück "Fear" von der Berliner Schaubühne aufnimmt und weiter trägt.

Eindreiviertel Stunden erzählen, singen, schreiben und tanzen die acht Schauspielerinnen und Schauspieler, die aus allen Ecken Europas zusammen gekommen sind, ihre Erlebnisse in und mit Europa, ihre Wünsche und Träume.

Das alles wird in einer Art präsentiert, die für Theater in Deutschland ungewöhnlich ist. Es wird überwiegend Französisch gesprochen – Deutsch übertitelt – und ein wenig Englisch, Deutsch und Arabisch ist ebenfalls zu hören. Aber es ist ein wirklich gut verständliches Französisch, ein Französisch der Zuwanderer, der Zugereisten und der Belgier.

Werbung für den europäischen Gedanken

Im Stück wird gesagt, nach dem Brexit hat Englisch als wichtigste Sprache in Europa ausgedient – und Französisch wird diesen Platz einnehmen. Aber – und das zeigt den Humor, den dieser Abend hat – es wird kein gutes Haar an der französischen Sprache gelassen. Und damit sind wir auch mittendrin im europäischen Problem: Europa ist Vielfalt und braucht eigentlich viel mehr Einheit, damit es funktionieren kann. Aber irgendwie steht die interessante Vielfalt der notwendigen Einheit auch im Wege.

Falk Richter ist einer der angesagtesten, erfolgreichsten – aber auch aktivsten deutschen Theaterautoren und -regisseure der Gegenwart. Und das Thema "Europa" hat es ihm angetan. Man könnte auch sagen, Europa hat es ihm angetan, denn Europa ist für Falk Richter viel mehr als nur ein Thema. In seiner Vision sind wir noch weit entfernt von dem wirklichen Europa, während rechtspopulistische und andere reaktionäre Strömungen die wenigen Gemeinsamkeiten, die Europa inzwischen hat, von allen Seiten angreifen. Europa ist ein wichtiges Thema in der Arbeit von Falk Richter und jetzt hatte sein jüngstes Werk am Thalia in der Gaußstraße in Hamburg seine deutsche Premiere. Marcus Behrens hat es sich angeschaut.

Autor/-in: Katrin Krämer
Länge: 5:02 Minuten
Datum: Samstag, 2. Februar 2019
Sendereihe: Online | Radio Bremen

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Für dieses Problem bietet das Stück übrigens keine Lösung an. Aber es appelliert anhand sehr vieler Beispielgeschichten daran, dass wir alle Individuen mit individuellen Bedürfnissen und Wünschen sind und dass dies alles in Europa funktionieren könnte, wenn genug Bürgerinnen und Bürger über Sprach- ehemalige Landes- und vor allem Befindlichkeitsgrenzen hinweg akzeptieren würden, dass sie selbst nur so leben und sein können, wie sie es wollen, wenn sie dies auch allen anderen Menschen in Europa uneingeschränkt zugestehen.

Zweckmäßig oder überflüssig: Das Bühnenbild

Das Bühnenbild hat mich zuerst etwas enttäuscht – es hat was von Schultheater: Ein großer Tisch, Hocker, Fernsehmonitore, Stoffquader und eine durchsichtige Box, auf die bewegte Bilder projiziert werden, dazu ein paar Pflanzen-Fragmente und etwas Kunstrasen. Aber ich habe schnell gemerkt, dass diese Requisiten eigentlich verzichtbar sind. Für mich waren Sie das auf jeden Fall. Dieses Stück lebt von den unterschiedlichen Charakteren, von ihren Geschichten und vom Text.

Szene aus 'I am Europe' [Quelle: Theatre National de Strasbourg, Jean-Louis Fernandez]
Szene aus 'I am Europe' von Falk Richter, Uraufführung am Théâtre National de Strasbourg. [Quelle: Theatre National de Strasbourg, Jean-Louis Fernandez]

In einer gelungenen Mischung aus Tatsachen und mit viel Humor wird gezeigt, was Europa ist, was es sein könnte, was es kann und wo es falsch liegt und lag.

Gibt es zehn von zehn Punkten für diesen Abend?

Ja, nicht zuletzt aber, weil er bereits zwölf Punkte nach eindreiviertel Stunden verdient hat! Dann war er für mich zu Ende – und was folgte waren zwei weitere Szenen, die plötzlich mit der Thematik und dem wirklich schlüssigen Gesamtbild brachen: Zuerst wurde die Geschichte von einer funktionierenden Ersatzwährung aus Belgien erzählt. Dann ging es noch um die Probleme, die Schadstoffe wie Glyphosat anrichten. Diese letzte Viertelstunde hat sich mir nicht erschlossen. Bis dahin war es ein perfekt konzipierter Abend. Trotzdem: Auch dieses Werk von Falk Richter überzeugt und begeistert!

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 2. Februar 2019, 8:10 Uhr

Hinweis: "I am Europe" ist nur noch am 2. und 3. Februar 2019 im Thalia in der Gaußstraße in Hamburg zu sehen. Beide Vorstellungen sind ausverkauft, es gibt Restkarten an der Abendkasse. Weitere Vorstellungen u.a. in Saarbrücken (19. Juni 2019), Groningen (19. August 2019), Weimar (29. August 2019).

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