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Oldenburgisches Staatstheater

"Ellbogen" – Wut und Alltag ganz nah

18. April 2019

Der Roman von Fatma Aydemir wurde 2017 als "bestes deutschsprachiges Romandebüt" mit dem Klaus-Michael-Kühne-Preis ausgezeichnet; seither diente es bereits einer Handvoll deutschsprachiger Bühnen als Vorlage für ein vielbeachtetes Jugend-Theaterstück. Jetzt hat die Oldenburger Fassung in der Exerzierhalle am Pferdemarkt Premiere. Das Oldenburgische Staatstheater hat Jana Milena Polasek mit der Bühnenfassung und der Regie beauftragt. Marcus Behrens hat die Regisseurin getroffen und sich eine der Endproben des Stücks angeschaut.

Szene aus 'Ellbogen' [Quelle: Oldenburgisches Staatstheater, Stephan Wanzl]
Katharina Shakina und Veronique Aleiferopoulos [Quelle: Oldenburgisches Staatstheater, Stephan Wanzl]

Im lieblosen, traditionell geprägten Zuhause im Berliner Wedding hat Hazal zu gehorchen. Die junge Deutschtürkin hat keinen Draht zu ihren Eltern, die den türkischen Präsidenten Erdogan aus der Ferne verehren. Und wenn Hazal spricht, dann lügt sie oft. Ansonsten hängt sie mit ihren Freundinnen ab. Hazal ist verliebt in einen straffällig geworden Türken, der von Deutschland nach Istanbul abgeschoben wurde.

Überzeugende Schauspielerinnen

Ich habe den Roman im Herbst 2017 gelesen, als am Düsseldorfer Schauspielhaus gerade die Uraufführung des Werks auf dem Spielplan stand. Ein beeindruckendes Erstlingswerk, das viele Fragen stellt – und andere beantwortet. Das Buch ist gut, keine Frage – aber es hat mich nicht so sehr gefesselt, wie es die drei Schauspielerinnen in Oldenburg bei dieser Probe geschafft haben.

Marcus Behrens: "Ellbogen" – viel mehr als nur ein Jugendstück [3:43 Minuten]

Das, was ich hier sehe und höre, ist echt – überzeugt! Grund genug, nachzufragen: Veronique Aleiferopoulos spielt in Oldenburg eine der drei Jugendlichen, deren Geschichte in den Zwischenwelten – zwischen Kindheit und Erwachsensein, zwischen Konsum und Karriere, zwischen der Türkei und Deutschland – erzählt wird. Wie steht es um die Identifikation mit dieser Rolle?

Ich persönlich, also für mich, leg' ich mich da gerne rein in meine Figur Gül...

Veronique Aleiferopoulos, Schauspielerin

Szene aus 'Ellbogen' [Quelle: Oldenburgisches Staatstheater, Stephan Wanzl]
Katharina Shakina und Veronique Aleiferopoulos [Quelle: Oldenburgisches Staatstheater, Stephan Wanzl]

Zusammen mit Katharina Shakina und Rebecca Seidel gelingt es ihr, den Tonfall dieser Jugendlichen grandios rüberzubringen, so passend – so perfekt kann ich mir das selbst gar nicht zurechtlesen im Roman. Auf der Bühne wirkt es authentisch und es dauert nur Minuten, da bin ich mittendrin in der Welt von Hazal und ihren beiden Freundinnen.

Viel mehr als nur ein Jugendstück

Offiziell ist die Oldenburger Inszenierung – wie auch die vorangegangenen an anderen Orten Deutschlands – ein Jugendstück. Aber in der Realität ist es doch so viel mehr.

Ich glaube, die Art, wie der Text raushaut...und Wut ausdrückt in dieser Radikalität... tut der Welt gut!

Jana Milena Polasek, Regisseurin

Die Geschichte gibt Einblicke, Ausblicke – und sie regt zum Denken an – Weiterdenken, Nachdenken… Die Herausforderung hat die Regisseurin besonders gereizt an diesem Stoff:

Die Ausstattung rundet das Erlebnis ab

Die Kostüme haben in dieser Inszenierung eine besondere Rolle, denn Klamotten sind wichtig für die drei jungen Frauen aus dem Berliner Wedding.

Dort spielt die Geschichte überwiegend, bevor sie kurz vor Schluss für Hazal in Istanbul endet. Was noch wichtig ist? Ein Zufluchtsort. Auch den hat Marina Stefan geschaffen. Sie gehört zum Regieteam und hat sich das Jugendzimmer hinter einer Wand ausgedacht, in das das Publikum nur über eine Videoprojektion Einblick erhält. Hier stecken viele Ideen drin, die aus der Welt der Jugendlichen stammen und damit das Gesamterlebnis noch greifbarer machen.

Szene aus 'Ellbogen' [Quelle: Oldenburgisches Staatstheater, Stephan Wanzl]
Rebecca Seidel, Katharina Shakina und Veronique Aleiferopoulos [Quelle: Oldenburgisches Staatstheater, Stephan Wanzl]

"Ellbogen" in Oldenburg – ein Theaterstück, oder besser: ein Stück Realität auf der Theaterbühne, das bereits bei den Proben so überzeugt hat, dass ich es sicher noch lange Zeit mit mir im Kopf herumtragen werde. Am Ende bleibt nur ein Wunsch offen:  Mehr Vorstellungen am Abend, damit auch junge und ältere Erwachsene die Gelegenheit haben, sich dieses beeindruckende Fragment einer jugendlichen Realität anzuschauen.

Termine: Die meisten Vorstellungen bis zur Spielzeitpause im Sommer sind vormittags angesetzt – Karten gibt es noch für die Termine am 28. April, 7. Mai und 6. Juni – und vermutlich auch wieder in der kommenden Spielzeit.

Info: Für "Ellbogen" wurde Fatma Aydemir mit dem Klaus-Michael- Kühne-Preis für das beste deutschsprachige Romandebüt des Jahres 2017 ausgezeichnet. Die Begründung der Jury: "Ein fulminantes, durchschüttelndes und durchrüttelndes Buch über deutschtürkische Identität und Bikulturalität."

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 18. April 2019, 17:20 Uhr

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