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Premiere in Bremen

"Der Rosenkavalier" gelungen inszeniert

21. September 2019

Vor einer Woche ist das Theater Bremen mit einer Uraufführung im Schauspiel in die neue Spielzeit gestartet, mit einem sehr modernen Stück, das sogar in der Zukunft spielt. Jetzt ist auch in der Musiksparte die Saison eröffnet worden – und da wurde Altbekanntes in Szene gesetzt: der "Rosenkavalier", komponiert von Richard Strauss, mit Texten von Hugo von Hoffmannsthal, 1911 in Dresden uraufgeführt. Christine Gorny war bei der Premiere.

Szene aus 'Der Rosenkavalier' Theater Bremen [Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg]
Nadine Lehner. [Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg]

"Der Rosenkavalier“ blickt gewissermaßen aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Diese "Komödie für Musik" spielt eigentlich in Zeit des Rokoko, in der Wiener Adelsgesellschaft um 1740. Aber sie ist thematisch durchaus zeitlos angelegt. Ihr tieferes Thema ist die Vergänglichkeit. Und das wird operngerecht anhand von verwickelten Liebesgeschichten erzählt: Alternde und Jugendliche, Lover und Lüstlinge, Frauen in der Rolle von Männern, die Frauen spielen.

"Der Rosenkavalier" am Goetheplatz: Gespräch mit Christine Gorny [5:24 Minuten]

So doppelbödig wie das Bühnengeschehen, so vielschichtig ist die Musik. Für den Generalmusikdirektor des Theaters Bremen, Yoel Gamzou, der am Dirigentenpult stand, ist es überhaupt die beste Oper, weil – wie er sagt – hier mal Libretto und Musik gleich gut sind:

Szene aus 'Der Rosenkavalier' Theater Bremen [Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg]
Nathalie Mittelbach und Nerita Pokvytyté. [Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg]

Bei Hoffmannsthal kann man den Text wie ein Gedicht oder einen Roman lesen. Es ist unglaublich, welche Dimension, welche Tiefe dieser Text hat und wie Strauss es geschafft hat, genau diese Ambivalenz mit in die Musik hinein zu nehmen. Das ist einfach ein Meisterwerk, obwohl es ein altes Werk ist, sind Themen drin, mit denen sich jeder identifizieren kann.

Übrigens konnte ich Yoel Gamzou von meinem Platz aus nächster Nähe über die Schulter sehen. Es war eindrucksvoll, wie hochkonzentriert er in das Werk versunken war, und körperlich voll mitging.

Aber zurück aus dem Orchestergraben auf die Bühne. Jeder Regisseur will den alten Klassiker ja entstauben. Vor neun Jahren hat das Theater Bremen den Rosenkavalier ins Kaufhaus verlegt. Frank Hilbrich hat in seiner neuen Inszenierung vor allem sehr fokussiert. Das Stück wurde gekürzt, einige Nebenfiguren wurden gestrichen. Umso mehr konzentriert sich die Inszenierung auf die Hauptcharaktere und lotet deren Psychen so tief wie möglich aus.

Szene aus 'Der Rosenkavalier' Theater Bremen [Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg]
Nadine Lehner. [Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg]

Hilbrich interessiert sich also weniger für die historischen Brüche – wie den Niedergang der alten Gesellschaft angesichts der Moderne – als für zeitlose menschliche Konflikte und psychische Konstellationen. Das gelingt ziemlich bewegend und teilweise dramatisch. Insofern fand ich die Oper auch weit weniger komödiantisch, als die Genrebezeichnung das vermuten ließe.

Das Bühnenbild ist eine Kulisse, die alle Aufmerksamkeit auf die Akteure lenkt. Ein schwarz-weißes Labyrinth aus verschiebbaren Rahmen und Ebenen. Sehr flexibel und sehr funktional. Mal verengt sich der Spielraum auf einen kleinen Guckkasten, mal weitet sich der Raum und eröffnet mehrere Flächen für die Akteure. Teilweise habe ich diese Bühnenbewegungen gar nicht mitbekommen. Die Konstruktion verschiebt sich nämlich oft so unmerklich langsam, wie ja auch die Zeit vergeht. Ein sehr gelungener Effekt, um das Grundthema der Vergänglichkeit in dieser Oper zu untermalen. Auch die Kostüme spielen mit der Zeit. Von Perücke und Reifrock bis Jeans und Trenchcoat reichen die Andeutungen von Epochen. Das alles immer recht lässig, manchmal auch lasziv. Übrigens wird am Ende das Bühnenbild komplett in den Hintergrund geschoben und die Charaktere stehen nun endgültig außerhalb von Raum und Zeit.

Der 17-jährige Octavian war bei Strauss ja noch nicht im Stimmbruch und wird darum immer mit einem Mezzosopran besetzt. In dieser Inszenierung ist es Nathalie Mittelbach mit ihrem warmen Mezzosopran in der schwierigen Titelrolle. Daneben ragten aber auch Nadine Lehner heraus mit ihrer makellosen Stimme als Feldmarschallin Marie Terese und Patrick Zielke als Baron Ochs mit seiner stimmlichen und vor allem auch schauspielerischen Präsenz. Wobei das gesamte Ensemble zu loben ist. Alle Stimmen haben bestens miteinander harmoniert und waren doch gut zu unterscheiden.

Szene aus 'Der Rosenkavalier' Theater Bremen [Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg]
Nathalie Mittelbach und Nerita Pokvytyté. [Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg]

Großes Lob auch für die sehr aufmerksamen Bremer Philharmoniker, die wirklich bravourös die Vielschichtigkeit des Stückes herausgespielt haben, in flottem Tempo. Die komplizierten musikalischen Ebenen wirkten wie aus einem Guss, dabei leicht und unbeschwert. Also musikalisch ein großer Genuss.

Ein sehr überzeugender Spielstart für die Musiksparte. Nicht nur musikalisch, sondern die Inszenierung insgesamt. Das Publikum hat es anscheinend auch so gesehen. Es gab begeisterten Applaus, für die Regie zwar den einen oder anderen Buhruf, aber das gehört in Bremen irgendwie dazu. Für mich hat an diesem Opernabend jedenfalls alles gestimmt.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 21. September 2019, 12:40 Uhr

Hinweis: Der "Rosenkavalier" steht am wieder auf dem Spielplan

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