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Premiere in Bremen

Realität des Alltags als Tanzstück: "Coexist"

25. Mai 2019

Die Theater-Spielzeit neigt sich ihrem Ende entgegen; jetzt stand die letzte Premiere des Tanztheaters in Bremen vor der Sommerpause auf dem Spielplan: "Coexist" so der Titel – es geht also ums Miteinander, ums gemeinsame Existieren, um eine Haltung die auch über den Fortbestand unser Welt – oder zumindest über die Form der Welt in der wir leben – entscheidet. Als Gast eingeladen hatte das Theater Bremen dafür die ungarische Choreografin Adrienn Hód. Marcus Behrens hat sich die Premiere angeschaut.

Szene aus "Coexist" von Adrienn Hód [Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg]
Ungewohnte Bewegungen und ein überraschendes Vokabular: "Coexist". [Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg]

Der Titel war Programm. Ich glaube auch nicht, dass man in Ungarn zurzeit eine zeitgenössische Künstlerin sein kann, ohne politisch zu sein. Wahrscheinlich kann man das nie – und nirgendwo… Aber Adrienn Hód treibt es auf die Spitze in dieser Choreographie, die sie auf Einladung des Tanztheaters am Theater Bremen fernab ihrer Heimat frei gestalten durfte. Und so bringt sie zehn Tänzerinnen und Tänzer und einen Musiker/DeeJay auf Trab – und dazu, extensiv zu zeigen, dass jede/jeder Einzelne von Ihnen ein Individuum ist. Mit ganz persönlichen Gedanken, Vorstellungen, Meinungen, Ansichten – und letztlich auch Verhaltensweisen, ggf. einer Religion, politischen und gesellschaftlichen Ansichten – und, und, und…

Existentielle Fragen aus dem Alltag: Gespräch mit Marcus Behrens [4:43 Minuten]

Irgendwann bricht diese sehr konzentrierte Aneinanderreihung von Solo-Momenten und Hód lässt alle zusammen exzessiv ausrasten – oder vielleicht auch einfach nur leben – so, wie es fast alle Menschen heute und überall in der Welt tun: egozentrisch, auf Kosten anderer und koste es, was es wolle. Gegen alle anderen, weil man ja nur sich selbst im Blick hat – und dass die Menschheit bisher nicht daran verreckt ist, zeigt, dass Coexistenz auch so funktionieren kann – und tatsächlich so funktioniert im Alltag, Tag für Tag – auch wenn es eigentlich ganz anders gemeint ist.

Szene aus "Coexist" von Adrienn Hód [Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg]
Adrienn Hód bringt das Bremer Ensemble auf neue Höhe(n). [Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg]

Erschreckend nah am Alltag

Dass diese Form weit entfernt von der idealen und sicher auch idealisierten Form der Coexistenz ist, liegt auf der Hand und ist auf der Bühne in einer immer wilder werdenden Massenszene großartig umgesetzt. Man könnte es auch als Ensemble-Teil des Abends bezeichnen, schließlich ist es ja Tanztheater. Aber nur weil alle gemeinsam auf der Bühne zur gleichen Musik wunderbar-wirre Bewegungen abliefern, ist es trotzdem weit davon entfernt, was anderswo auf Tanzbühnen zu sehen ist. Es ist aber auch weit entfernt von der in die Jahre gekommenen Folkwang-Tanztheater-Ästhetik, die am Theater Bremen ja nach wie vor eine zweite Heimat hat – und das ist gut so!

Auf jeden Fall würde ich diesen zweiten Teil des Abends als Tanz bezeichnen, der erste Teil ist choreographierte, professionelle Akrobatik.

"Coexist" ist ein 90 Minuten dauerndes Kunstwerk. Größer, beeindruckender und auch realistischer, als es in irgendeinem Museum ausgestellt sein könnte. Etwas, das im Detail betrachtet werden will und sich nach und nach dem Betrachter öffnet, bis man fast erschlagen wird. Aber das ist gut so. Das Vokabular der Bewegungen ist so vielfältig und immer wieder überraschend weit weg vom Tanztheater, wie man es in Bremen kennt und nach wie vor liebt.

Szene aus "Coexist" von Adrienn Hód [Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg]
Perfekt gestaltetes Licht bringt Akzente auf den Punkt. [Quelle: Theater Bremen, Jörg Landsberg]

Choreographische Punktlandung

Dass die latente Alltagsaggression, die auf der Bühne von den Akteuren verbreitet wird, nicht auf mich im Publikum überspringt, macht "Coexist" nochmals mehr zu einem wirklich gelungenen Performance-Abend. Hier stimmt einfach alles – bis hin zu einem winzigen Moment, in dem es einen gelungenen Lichtwechsel genau in dem Moment gibt, in dem zwei Akteure in der Luft aneinanderprallen. 

Adrienn Hód hat hier bei uns große Kunst geschaffen. Sehr real und nah – und trotzdem auf Distanz, weil wir das, was wir auf der Bühne sehen, aus dem Alltag so bekannt vorkommt, dass wir es nicht als Bedrohung empfinden, obwohl wir es (im Alltag) vielleicht sollten?! Denn es stellt alles in Frage, was uns im Leben eigentlich wichtig sein sollte.

Schauen Sie sich diesen Abend an! Lassen Sie sich darauf ein – und wenn es nicht sofort in Ihrem Kopf zu rattern anfängt, dann nehmen Sie das gesehene mit nach Hause. Denken Sie drüber nach. Schlafen Sie drüber, reden Sie drüber. Ändern Sie etwas im Leben!

Hinweis: "Coexist" – ein neues Tanzstück der ungarischen Choreographin Adrienn Hód – zusammen mit dem Ensemble Unsual Symptoms, der Tanzsparte des Theaters Bremen – wieder zu sehen mehrmals im Juni.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei 25. Mai 2019, 7:20 Uhr

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