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Reportage

Torum: Atlantis im Rheiderland

23. September 2019, 12:10 Uhr

Jeder kennt Atlantis, die prächtigste, herrlichste und mächtigste Stadt der Welt. Alles aus Silber und Gold. Die Insel, auf der sie lag, war so schön wie das Paradies auf Erden. Doch ihr Schicksal war schrecklich. Sie versank auf ewig im Meer und mit ihr die Menschen, die dort lebten.  Auch in Ostfriesland gibt es eine Art Atlantis. Eine prächtige Stadt, die vor mehr als 500 Jahren untergegangen sein soll. Frank Jakobs mit der ganzen Geschichte.

riesige graue Wellen auf der Nordsee [Quelle: Imago, Jochen Tack]
Die Nordsee verschlang im Jahr 1509 den Ort Torum in Ostfriesland. [Quelle: Imago, Jochen Tack]

 

Torum: Atlantis im Rheiderland [3:11 Minuten]

Die Glocken von Torum

Wer nachts in Dyksterhusen im Rheiderland auf der ehemaligen Bohrinsel steht, direkt am Dollart, und genau hinhört, der kann sie vielleicht hören: die Glocken von Torum. Kai-Uwe Hanken, Journalist und Autor hat sich mit der Geschichte dieses Ortes befasst und selber Geschichten darüber geschrieben.

Es gab da Münzprägewerkstätten, Goldschmiede, ne große Kirche soll es gegeben haben und all diese Dinge.

Über Torum hat die 1984 verstorbene ostfriesische Schriftstellerin Wilhelmine Siefkes festgehalten:

In der Stadt Torum allein wohnten acht Goldschmiede. Sie wetteiferten darin, die köstlichsten Geschmeide herzustellen, und die Frauen und Mädchen hatten goldene Spangen und Ketten, Ohrringe und Armbänder in Überfluss. Sie führten ein üppiges Leben, die Leute in Torum, sie deckten ihre Tische mit glänzender Leinwand, sie aßen von silbernen Schüsseln und tranken aus goldenen Bechern. Darüber vergaßen sie Gott, und wenn die Glocken zur Kirche riefen, dann folgte keiner ihrem Ruf.

Wilhelmine Siefkes

Der Untergang Torums als Warnung

In einer anderen, früheren Version dieser Geschichte heißt es, dass die Torumer ihren Prediger sogar umbringen wollten, weil er ihnen ihr lasterhaftes Leben vor Augen führte. Dieses Verhalten sollte sich rächen. Und zwar im September 1509, als eine große Sturmflut kam.

Holzstich 1872, welcher eine historische Sturmflut zeigt, die einen ganzen Ort überflutet. [Quelle: DPA, AKG-Images]
Torum war nicht der einzige Ort, der durch eine Sturmflut zerstört wurde. [Quelle: DPA, AKG-Images]
Die Torumer, die haben immer so ein bisschen verächtlich auf die anderen Siedlungen drum herum geblickt. Und dann, als die Flut kam, ging es auch Torum an den Kragen, und das Dorf ist überspült worden, so wie man sagt, ein Strafgericht Gottes auch.

Kai-Uwe Hanken

Die Geschichte über den Untergang Torums ist eine Warnung. Wer nicht an Gott glaubt, ist verloren. Doch es steckt noch mehr dahinter, sagt Kai-Uwe Hanken.

Das ist vielleicht auch so ein bisschen der Hintergrund dafür, was wir in Ostfriesland unter dem Sinnspruch kennen: "Keen nich will dieken, mutt wieken." Und ich glaube, dass man das nochmal ein bisschen plastischer vor Augen geführt bekommen hat, was das für Folgen haben kann, wenn man hier seiner Deichpflicht nicht nachkommt.

Von der Nordsee verschlungen

Tatsächlich gibt es ähnliche Geschichten entlang der ostfriesischen Küste. So verschwanden zum Beispiel die Orte Westeel bei Norden oder Bense nahe Bensersiel in den Fluten der Nordsee. In beiden Orten soll es Reichtum und lasterhafte Menschen gegeben haben, wie in Torum.

Diese Orte hat es tatsächlich gegeben und auch ihr Untergang ist verschiedenen schweren Sturmfluten zuzuordnen. So ist Torum wohl durch die zweite Cosmas- und Damian-Flut im Jahre 1509 zerstört worden. Allerdings war sie eine kleine, eher ärmliche  Bauernsiedlung. Das belegen Kirchenregister, sagt Hanken.

Aber was ist mit den Glocken von Torum, die noch heute zu hören sein sollen? Da sei viel Fantasie gefragt, sagt Hanken.

Vielleicht eine alte Möwe, die etwas schräg krächzt, kann man vielleicht auch als Glockengeläut auslegen.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 23. September 2019, 12:35 Uhr.

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