Livestream

Bremen Zwei Rubriken Reportagen

Reportage

Strohmuseum in Twistringen

22. Juli 2019, 11:40 Uhr

Twistringen im Landkreis Diepholz ist etwas ganz Besonderes: Hier florierte einmal eine Industrie, die es nördlich der Mainlinie sonst kaum gab und der hier ein ganzes Museum gewidmet ist: Die Twistringer hatten nämlich Jahrhunderte lang nur Stroh im Kopf.

Eine Frau schneidet das Getreide für Stroh-Trinkhalme  [Quelle: DPA, Alexandra Wey]
Stroh ist ein vielseitig einsetzbares Material. [Quelle: DPA, Alexandra Wey]

Die Reportage von Gerhard Snitjer:
Stroh-Museum in Twistringen [3:40 Minuten]

Jemand ist strohdumm, hat nichts als Stroh im Kopf... alles negativ behaftete Begriffe. Und dann bauen sich die Twistringer um die Jahrtausendwende ein Strohmuseum? Ja. Und mit gutem Grund. Twistringen ist sozusagen der Strohstern Norddeutschlands. Roswitha Karls, die im Museum arbeitet, verrät den Grund.

Wir haben hier in Twistringen einen lößhaltigen Boden, und da wuchs besonders langhalmiger Roggen. Der wurde bis zwei Meter hoch. Das ist eine ganz enorme Höhe.

Roswitha Karls

Twistringer Stroh - kein Ernteabfall

Kraftvolle Getreidehalme, fast so hoch wie eine Tür oder ein Zimmer. Ein Alleinstellungsmerkmal! Viel zu schade, um daraus Einstreu für Viehställe zu häckseln oder Lehmwände damit zu stabilisieren. Daraus ließ sich mehr machen: Twistringer Stroh war kein Ernteabfall, sondern wurde gezielt geerntet, gekämmt, geschnitten, geflochten und vernäht. Aber was wurde dann daraus? Na, erstmal das Einfachste: Trinkhalme. Die waren nämlich früher mal aus Stroh und hießen auch so. Heinrich Brinkmann, Vorsitzender des Museumsvereins, führt an einem simplen, aber durchdachten Schneidebrett vor, wie das geht.

Das ist der Wachstumsknoten, den abschneiden, das Halmblatt wegstreifen, und dann die richtige Länge suchen. 18, 20, 22 Zentimeter. Hier musste ich wegen des Wachstumsknotens schon mal einen Schnitt machen.

Heinrich Brinkmann

Stroh-Branche boomt

Blick ins Strohmuseum Twistringen (Archivbild) [Quelle: Radio Bremen]
Blick ins Strohmuseum Twistringen.

Das war typische Heimarbeit für den Winter. In Spitzenzeiten gab es in Twistringen kaum einen Haushalt, der nicht in irgendeiner Weise in der Stroh-Branche beschäftigt war. In dem 3000-Seelen-Ort arbeiteten zeitweise um die eintausend Strohflechter. Ihre Strohborten – flachgepresste, schmale Zöpfe aus Halmen – wurden in Dutzenden Manufakturen weiter verarbeitet, zu allem, was man daraus machen konnte: Untersetzer, Körbe, Taschen, Etuis, Matten und vieles mehr. Außerdem wurden mit Stroh auch Dächer gedeckt. Aber am spektakulärsten natürlich: die Hüte. Eine einzige Näherin konnte aus den Strohborten bis zu 80 Hüte pro Tag fertigen. Heike Paul führt an einer über 100 Jahre alten Maschine vor, wie das geht.

Die hat keine Unterspule wie eine normale Haushaltsmaschine. Wenn ich mich mal vernäht habe, dann kann ich's aufribbeln. Ich sag immer wie einen Topflappen.

Heike Paul

Malotte: Exportschlager der Twistringer Strohwirtschaft

So sehr die Besucherinnen das Nähen bestaunen und die Hüte im "Museum für Strohverarbeitung" auch gerne kaufen – der eigentliche Exportschlager der Twistringer Strohwirtschaft war die sogenannte Malotte. Das sind Hüllen aus vernähten Strohhalmen. Sie schützen zum Beispiel Flaschen auf dem Transport. Twistringen zog die Produktion an sich und lieferte diese Strohhülsen in Massen an Weinhändler und Bierbrauer fern und nah. Die schon ziemlich gut automatisierten Nähmaschinen, gebaut kurz nach 1900, die alle paar Sekunden so eine Malotte ausspuckten, sind hier zu sehen.

Glanzzeit fand ein Ende

Die Glanzzeit fand ein Ende: Mit dem Aufkommen von Mähdreschern, neuen Werkstoffen und Importen aus China wurde hier am Ort die Strohverarbeitung bedeutungslos  – auch das erwähnt Roswitha Karls bei ihrer Führung.

Unser positiver Spruch lautet: 'Geit use Stroh in alle Welt, is es um Twüstern good bestellt.' Und der negative Spruch lautet: 'Arbeitst in Stroh, worst dien Leven neet froh.' Alles hat immer zwei Seiten.

Roswitha Karls

Kein Landwirt will heute noch kräftige Zwei-Meter-Roggenhalme. Für das Museum wird es sogar schon schwierig, sie für Demonstrationszwecke zu bekommen. Und ebenso schwierig ist es, Nachwuchs für die Hut-Nähstube und überhaupt für die Museumsarbeit zu motivieren. Aber eines wird an diesem Ort ganz deutlich: Twistringen war vom 18. bis 20. Jahrhundert Schauplatz einer einzigartigen Industrie.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 22. Juli 2019, 11:40 Uhr

Reportagen