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Reportage

Schlachten im Ammerland

27. Juli 2020, 10:40 Uhr

Was in vielen großen Schlachthöfen abläuft, kennen die meisten von uns nur aus heimlich gedrehten Videos von Tierschützern. Diese Videos zeigen viel Tierleid: Stress, Lärm, Enge, Todesangst – insgesamt ein unwürdiges Ende. Gibt es eine Möglichkeit, sich von Fleisch zu ernähren, ohne dass dafür Tiere gequält werden müssen? Ein Schlachter aus dem Ammerland beantwortet diese Frage mit "Ja". Fleischermeister Lüers in Westerstede schlachtet selbst, und er hat dabei ein gutes Gewissen.

Vier leere Schweinebuchten [Quelle: Radio Bremen, Gerhard Snitjer]
In diesem Schlachthof im Ammerland haben die Tiere genug Platz. [Quelle: Radio Bremen, Gerhard Snitjer]

Die Reportage von Gerhard Snitjer zum Anhören:
Schlachthaus im Ammerland [3:34 Minuten]

Die Kunden stehen Schlange vor der Ladentür. Wegen Corona, natürlich. Aber auch, weil immer mehr Menschen eine neue Einstellung zum Fleischkonsum entwickeln, sagt Malte Lüers. "Wir haben eine tolle Kundschaft, die honoriert, dass wir noch selber schlachten. Wir haben auch Kunden, die von weit herkommen, weil sie sich mit dem, was sie essen, auch identifizieren. Sie wollen wissen: Wo kommt es denn her?“

Ja, wo kommt es her? Jedes Rind oder Schwein, dessen Fleisch im Laden verkauft wird, ist in diesem Betrieb geschlachtet und verarbeitet worden. Pro Woche rund zwanzig Schweine und ein bis zwei Rinder. Und das läuft ganz anders ab als in den Massenbetrieben, sagt der Meister.

Wir haben uns immer als Credo gesetzt, das Tier so schonend wie möglich zu behandeln (...) und auch tierschutzgerecht zu behandeln. Das ist uns ganz wichtig.

Malte Lüers

Gelebter Widerspruch

Ein Tier schonen und dennoch töten – mit diesem Widerspruch lebt das Schlachterhandwerk schon immer. "Der Schlachtprozess als solches ist nicht schön. Das will ich ganz ehrlich sagen. Das ist bei uns auch so: Es fließt Blut." Aber Malte Lüers und der Landwirt, der ihm alle Tiere bringt, nehmen dabei den Tierschutz sehr ernst.

Meinen Lieferant habe ich seit 1996. Das ist eine Landwirtschaft hier in der Nachbarschaft. Der hat ein geschlossenes System. Das heißt, der hat eigene Eber, eigene Sauen. Und die Ferkel werden im Betrieb geboren und auch im Betrieb gemästet. Somit braucht er keinerlei Antibiotika.

Malte Lüers

Die Anfahrt ist kurz, der Stress für die Schweine gering, sagt Lüers. Sie verbringen ihre letzte Nacht ganz ruhig, meist schlafend, in geräumigen Boxen, im Winter sogar mit Fußbodenheizung. "Die Schweine kennen sich, die sind also wie gesagt von Geburt an zusammen. Wenn fremde Schweine zusammenkommen, dann beißen die sich meistens. Und das ist ja das, was wir verhindern wollen."

Schlachtung ohne Hektik

Fünf Männer halten eine braune Kuh fest [Quelle: Radio Bremen, Gerhard Snitjer]
Mit wenig Hektik wird geschlachtet. [Quelle: Radio Bremen, Gerhard Snitjer]

Heute ist es allerdings eine Kuh, ein braunes Limousin-Rind, das Landwirt Renke Specht herbringt. Im selben Viehanhänger ist die Kuh wohl schon ein Dutzend Mal gefahren worden, vom Stall zur Weide oder umgekehrt: Den kennt sie also. Auch die Stimme von Renke Specht, der sie jetzt herauslotst, ist ihr vertraut. Eine weiß geflieste Halle hat sie aber noch nie erlebt – und sie sieht sie auch jetzt nicht, denn ihr sind die Augen verbunden. Hier gibt es kein Geschrei, kein Geschiebe oder Gedränge, keine Ungeduld. Die Kuh lässt sich bis in einen Metallrahmen ziehen, in dem ihr Kopf und Hals fixiert werden. Noch immer keine Unruhe, kein Widerstand, keine Hektik. Dies ist der Augenblick.

Malte Lüers presst ein kleines Bolzenschussgerät auf die Stirn der Kuh. Das Geräusch, mit dem der Bolzen den Schädel durchschlägt und ins Großhirn eindringt, ist unspektakulär. Im gleichen Augenblick sackt das massive Tier zusammen – nach menschlichem Ermessen hat es keinen Augenblick gelitten.

Ein schneller Schnitt öffnet die Halsschlagader, und wie Malte Lüers schon sagte: Schön ist das nicht – es fließt Blut. Sehr viel davon, zunächst stoßweise, solange das Herz noch schlägt. Kurz darauf hängt der tote Tierkörper am Haken, für die weitere Verarbeitung. All diese Vorgänge sind Alltag für den Fleischer – und ganz im Gegensatz zu den großen Schlachthöfen immer ohne Zeitdruck, sagt er.

Wir haben Zeit bei der Schlachtung. Wir können uns also wirklich dem Tier widmen und können uns die Zeit nehmen, die wir brauchen. Aus dem einfachen Grund, weil nichts hinterherkommt.

Malte Lüers

Enge und faire Zusammenarbeit

Wenige kleine Schlachtereien wie diese haben den Trend zu immer größeren Schlachthöfen überlebt. Auch der Landwirt mit seinen überschaubaren, geschlossenen Tierhaltungssystemen ist ein Ausnahmefall. Diese enge und faire Zusammenarbeit von Bauer und Fleischer gibt es kaum noch, sagt Landwirt Renke Specht, der bei der Kundschaft allerdings jetzt ein Umdenken beobachtet.

Das machen wir schon 20 Jahre. Wir haben nur das Glück, dass jetzt auch die Gesellschaft diesen Gedanken, den wir schon lange tragen, nachvollzieht.

Renke Specht

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 27. Juli 2020, 10:40 Uhr.

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