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Meeresmonster in der Kirche

Leviathan und Aalkönig

18. November 2019, 14:25 Uhr

Das Meer kann eine zerstörerische Kraft entwickeln. Die Menschen haben diese bedrohliche Kraft schon immer gern in Form von unbesiegbaren Ungeheuern dargestellt. Eines dieser Monster ist der Leviathan, eine Art riesiges Mischwesen aus Drachen, Schlange und Wal, manchmal mit Pferdekopf. In der Katharinen-Kirche von Misselwarden, im Land Wursten im Kreis Cuxhaven, findet man einen geschnitzten Leviathan am Chorgestühl. Ein Kunsthistoriker aus der Gegend hat eine Theorie entwickelt, wonach diese Skulptur entweder von einer lokalen Sage inspiriert ist oder aber umgekehrt die Sage inspiriert hat: die Legende vom Aalkönig und vom Schwarzen Wehl.

ein geschnitzter Leviathan(Mischwesen aus Drache und Schlange) [Quelle: Radio Bremen, Gerhard Snitjer]
Ein geschnitzter Leviathan als Sinnbuild für die mörderische Kraft des Meeres. [Quelle: Radio Bremen, Gerhard Snitjer]

Reportage von Gerhard Snitjer:
Der Leviathan von Misselwarden und die Sage vom Aalkönig [3:41 Minuten]

Eine Seitenwand der historischen Chor-Bank in der Misselwarder Kirche wird von der Figur gekrönt: Etwas mehr als 30 Zentimeter hoch, und so fein geschnitzt, dass man die geschuppte Haut erkennt. Für den Theologen und Kunsthistoriker Dietrich Diederichs-Gottschalk ist es ganz eindeutig der Levathan aus dem Buch Hiob. Leviathan ist hebräisch und heißt "der sich Windende".

Der Körper eines sich windenden Aals, mit einem gekrönten Pferdekopf und einer großen Rückenflosse in Kleeblattgestalt.

So ein Wasserwesen hier zu finden, wundert den Fachmann überhaupt nicht. Denn die Schnitzerei ist exakt datiert, sie entstand im Jahr 1575, fünf Jahre nach der traumatischen Allerheiligenflut, die das Land Wursten überrollte und hunderte Menschen ertrinken ließ. Eine Sturmflut, ein Deichbruch, mit Mann und Maus untergegangene Häuser – schon das ist genug Stoff für eine grausige Sage.

Die Legende vom Aalkönig

Fügt man noch eine Verfehlung aus Habgier hinzu und den göttlichen Zorn, dann hat man die Legende vom Aalkönig. Die erzählt Peter Oster gerne den Gästegruppen die er wenige Kilometer von Misselwarden an den alten Deich führt. Hier, wo jetzt ein tiefes Wasserloch gähnt, stand mal das Haus eines raffgierigen Ehepaares – so geht die Geschichte. Pecke und seine Frau Sille entdeckten auf der Suche nach Strandgut einen riesigen, ganz besonderen Aal.

Sille soll damals gesagt haben 'Dat is de Aalkönig'. Denn er trug auf dem Kopf eine goldene Krone und an der Schwanzflosse eine silberne Spange.

Ein üppiger Sonntagsbraten, fanden Pecke und Sille. Zu Hause ließen sie den Aalkönig über Nacht in einer Viehtränke schwimmen, von wo er ihnen immer wieder zurief: "Pecke und Sill, dat is mien Will: Behoold Spang und Kron, dat is jou Lohn." Und er bat sie inständig, ihn am Leben zu lassen, "anners starvt ji elennig."

Elendig sterben – ja, das taten sie. Denn als sie den Aal ungerührt dennoch schlachteten...

...kam ein fürchterlicher Sturm auf, die Wellen schlugen hoch, und eine Riesenwelle, verbunden mit einem Blitzeinschlag in das Haus der beiden, ließ den Deich brechen. Und das Haus versank in diesem Schwarzen Wehl.

Darin steckt ein Körnchen Wahrheit, denn ein Wehl ist eine tiefe, meist kreisrunde Auskolkung durch einen Deichbruch. Kunsthistoriker Diederichs-Gottschalk sieht eine Verbindung zwischen der realen Allerheiligenflut und dem fünf Jahre später geschnitzten Fabelwesen. Der Aalkönig von Misselwarden sei offenbar eine künstlerische Erinnerung an die Flut von 1570.

Die Söhne des Aalkönigs

Was nicht die Frage beantwortet, ob die Legende vorher oder hinterher entstand. Gästeführer Peter Oster ist ohnehin skeptisch: Der Leviathan sei ein Ungeheuer, der Aalkönig dagegen eher ein Heilsbringer, sagt er. Die Geschichte geht nämlich noch weiter. Der gebrochene Deich musste ja nun repariert werden, aber er sackte immer wieder weg – bis eine alte Frau an der Baustelle erschien, die in einem Eimer drei kleine Aale mit silbernen Spangen brachte: die Söhne des Aalkönigs.

Und sie riet, die drei kleinen Aale im Wehl auszusetzen und gut auf sie achtzugeben, dann würde der Deich schon halten. Und tatsächlich: Die Männer vollendeten ihre Arbeit am Deich, und der Deich hielt auch der nächsten Flut gut stand.

Damit nicht genug: Wer in der Nacht die drei Spangen im Schwarzen Wehl leuchten sieht, kann sich eines langen, glücklichen Lebens sicher sein. So endet die Sage. Wie wahrscheinlich mag das sein? Im Wehl, einem stehenden Gewässer von gut 50 Metern Durchmesser, wird ja geangelt. Ob man da auch Aale fängt? Ja, schon – aber hoffentlich nicht alle, sagt Peter Oster.

Drei können sie nicht fangen, denn das sind die aus der Sage. Die dürfen sie nicht fangen (Lachen), dann kann ich nichts mehr erzählen.

Dieses Thema im Programm: 18. November 2019, 14:35 Uhr.

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