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Reportage

Lepraspalten in der Kirchenwand

Das Hagioskop von Roggenstede

6. April 2020, 11:40 Uhr

Die Corona-Pandemie ist nicht die erste Seuche, die das gewohnte Leben zum Stillstand brachte und tausende Menschenleben forderte, manchmal sogar Millionen. Die Pest, die Lepra, die Spanische Grippe zum Beispiel. Wer im Mittelalter an der Lepra litt, wurde in der Regel aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, war aussätzig. Dass es die Krankheit auch im Gebiet zwischen Emden und Wilhelmshaven gab, dafür hat die Hobbyhistorikerin Ingeborg Nöldeke Indizien gefunden. Sie hat sich weit über hundert Kirchen angesehen – auf der Suche nach den Hagioskopen, den Lepra-Spalten.

Kirche Roggenstede [Quelle: Holger Erdwiens]
Kirche Roggenstede [Quelle: Holger Erdwiens]

Die Reportage zum Anhören:
Das Hagioskop von Roggenstede [3:29 Minuten]

Die Backsteinkirche in Roggenstede ist ein imposanter Bau: Sie wurde um 1250 auf einer Warft errichtet. Die Hobbyforscherin Ingeborg Nöldeke tastet vorsichtig einen Teil der Backsteinwand des mehr als 750 Jahre alten Gebäudes ab. Mit dem rechten Zeigefinger zeichnet sie die Umrisse eines alten Durchbruchs in der Backsteinmauer nach. Hier muss es gewesen sein – das Hagioskop. Was heute aussieht wie ein zugemauertes Kirchenfenster, war früher die so genannte Lepra-Spalte. Durch sie konnten die Kranken hindurchspähen und einen Blick auf den Seitenaltar in der Kirche erhaschen.

Verstoßen aus der Dorfgemeinschaft – kein Zutritt in die Kirche

Erkrankte im Mittelalter jemand an Lepra, musste er das Dorf verlassen. Die Krankheit war ansteckend und allein schon der Anblick der Lepra-Kranken gruselte die Menschen. Auch der Zutritt in die Kirchen wurde ihnen verwehrt. Doch für das Seelenheil sei es damals unerlässlich gewesen, dass man an der Messe teilnahm, sagt Ingeborg Nöldeke. So entstanden die Lepra-Fenster.

Keine Medizin, sondern Reliquien

In der mittelalterlichen Kirche in Roggenstede ist die Lepraspalte recht groß. In anderen Gotteshäusern ist sie hingegen nur schmal, so dass diese Öffnungen auch Schielfenster heißen. "Es gibt Spalten, die nur eine Schmalseite des Backsteins breit sind", erzählt Ingeborg Nöldeke.

Wenn sie von draußen ins schwach beleuchtete Innere der Kirche blickten, sahen die Kranken einen Seitenaltar. Auf dem standen – für die Kranken draußen gut sichtbar drapiert – Reliquien der Heiligen, die für die Heilung von Lepra zuständig waren. Die Dorfgemeinschaft hatte die Leprakranken zwar ausgeschlossen – sie investierte aber mit dem Kauf der heiligen Gebeine in die Wiedergutmachung. Ingeborg Nöldeke zieht den Schluss, dass die Reichen im Dorf auf diese Weise ihr eigenes Seelenheil retten wollten.

Letzte Erinnerung an eine Krankheit

Weil später immer mehr Menschen an Tuberkulose starben, kam die Lepra im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte nicht mehr zum Ausbruch. Die Krankheitserreger konnten sich nicht mehr verbreiten. So sind die Lepraspalten in den Kirchen heute die letzte Erinnerung an eine Krankheit, die heutzutage nur noch mit Ländern wie Indien und Afrika in Verbindung gebracht wird.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 6. April 2020, 11:40 Uhr

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