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Die jeversche Kirchenelle

23. Oktober 2019, 13:30 Uhr

Kirchen erzählen oft viele Geschichten. Dass die nicht immer nur mit Religion zu tun haben, zeigt ein Stück Eisen, das in der Stadtkiche Jever zu sehen ist. Es ist ein Beleg dafür, dass die Institution Kirche auch weltliche Aufgaben hatte.

Die Jeversche Kirchenelle [Quelle: Radio Bremen, Frank Jakobs]
Die Jeversche Kirchenelle [Quelle: Radio Bremen, Frank Jakobs]

Reportage von Frank Jakobs:
Die jeversche Kirchenelle [3:01 Minuten]

Hinter einer Glasscheibe im Eingangsbereich der Stadtkirche zu Jever ist an einer Wand ein kleiner Galgen befestigt. Daran hängt an einer Kette eine schwarze, dünner werdende Stange. "Die Stange sieht ganz harmlos aus, sie ist rund 70 cm lang, hat oben eine Öse und ist total unprätentiös und unauffällig," erzählt Jevers ehemaliger Pastor Volker Landig. Das liegt vermutlich daran, dass sie dem gemeinen Volk zugedacht war. Dieses Stück Eisen ist eine jeversche Elle und hing über Jahrhunderte hinweg außen an der Kirche.

Die West-Tür hieß also Ellen-Tür, weil an dieser Tür die Elle hing, mit deren Hilfe die jeverschen Hausfrauen, die irgendwo auf dem Markt oder im Geschäft ein Stück Stoff gekauft hatten, nachmessen konnten, ob sie wohl korrekt bedient wurden.

Volker Landig

Das rechte Maß

Denn eine Elle ist nicht gleich eine Elle. Die Bremer Elle maß nur 57,87 Zentimeter. Die jeversche Elle hingegen war knapp zehn Zentimeter länger und maß 67,33 Zentimeter, so wie es einst der jeversche Regent festgelegt hatte, so Landig. In einer Aufzeichnung von Bürgermeister A.B. Clasen aus dem Jahr 1749 heißt es:

Es sind zwei Originalellen vorhanden, wonach alle anderen Ellen der Stadt, Vorstadt und im ganzen Land müssen zurecht gemacht und, wie man sagt, geeicht werden.

Die offizielle Elle wurde im Rathaus verwahrt. Heute befindet sie sich im Schlossmuseum Jever. Sie war sehr fein gearbeitet, mit einer Messing-Manschette und dem Stadtwappen darauf.

Fund auf dem Dachboden

Für die Jeveraner Bürger musste die einfache Ausführung reichen. Wohl auch deshalb blieb sie dort hängen und wurde nicht gestohlen. Erst nach dem verheerenden Kirchenbrand 1959, bei dem die Stadtkirche fast komplett zerstört wurde, verschwand sie. Doch als Volker Landig Pastor in Jever wurde, fand er sie 1975 auf dem Dachboden der Pastorei wieder.

Ich hab sie einfach unten im Hausflur der Pastorei ... neben die Amtszimmertür gehängt. Als ich in den Ruhestand ging, habe ich die dort hängen lassen. Mein Nachfolger wollte sie da aber nicht haben und hat sie ins Archiv gepackt.

Volker Landig

Erst Jahre später findet sie durch das Engagement des bereits verstorbenen Jeveraners Horst Radowski ihren Platz in der Stadtkirche. Denn die jeversche Kirchenelle ist ein Beleg dafür, dass die Kirche nicht nur für den Glauben zuständig war, sondern auch weltliche Aufgaben wahrnahm, sagt Landig. Nun hängt dieses historische Stück Eisen hinter dickem Glas. Denn die Elle benötigt heute keiner mehr zum Abmessen. Schließlich gilt in Jever seit dem 1. Januar 1872 das metrische System. Und in dem ist ein Meter immer gleich lang. Egal ob in Bremen oder in Jever.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 23. Oktober 2019, 12:35 Uhr.

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