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Reportage

Das Geisterkino in Vegesack

24. Januar 2020, 11:38 Uhr

"Lost Places" sind verlassene Orte, an denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. So einen Ort gibt es auch in Vegesack im Bremer Norden. Im Kino "Scala" werden seit fast 30 Jahren keine Filme mehr gezeigt, aber es sieht noch immer so aus, als würden sich gleich Kinogäste mit Popcorn niederlassen.

Eine Bauanleitung, Negative und alte Kinotickets liegen auf einem Tisch [Quelle: Radio Bremen, Marina Weidenhaupt]
Vieles im Kino Scala wurde unachtsam liegen gelassen. [Quelle: Radio Bremen, Marina Weidenhaupt]

Die Reportage zum Anhören:
Das Geisterkino in Vegesack [3:35 Minuten]

Ein großer, schwarzer Flügel, eingestaubt, aber noch aufgeklappt und funktionstüchtig, steht inmitten eines leeren, dunklen Discosaals. Wie das schlagende Herz im lange toten Kino "Scala". Jürgen Peters vom Heimatverein Blumenthal forscht zu Kinos im Bremer Norden und kennt das Scala noch aus seiner Blütezeit. Er selbst ist wöchentlich mit seiner Frau ins Lichtspielhaus gegangen und hat sich Fassbender-Filme angesehen.

Eine Wendeltreppe mit Filmplakaten an der Wand [Quelle: Radio Bremen, Marina Weidenhaupt]
Seit 30 Jahren gibt es hier keine Filme mehr zu sehen. [Quelle: Radio Bremen, Marina Weidenhaupt]

Stille und Dunkelheit

Kinofilme, die über die Leinwand flimmern, gibt es hier lange nicht mehr. Die Säle sind aber noch da, man muss sich nur durchwühlen, durch dunkle, vermüllte Flure: Auf dem Boden verstreut liegen alte Kinotickets, Programmhefte aus den siebziger Jahren, aber auch kaputte Möbel, ausgekippte Kisten, aus denen alles von Stofftieren bis zu alter Kleidung quillt.

Der kleine Saal war noch bis zur Schließung in Betrieb. Jetzt liegt er still, die Leinwand hängt in Fetzen, einige Sessel sind abgebrochen, eingetreten – und es ist stockfinster, es gibt keinen Strom, also, ganz wichtig: Taschenlampe an. Jürgen Peters lässt den Lichtkegel über die Sitzreihen gleiten, in denen er früher Platz genommen hat. Ein komisches Gefühl.

Von Scala zu Gala

Das "Scala" wurde 1917 als "Vegesacker Lichtspiele" mit 800 Sitzplätzen eröffnet. Weil das nicht reichte, wurde 1957 nachgerüstet und 200 Plätze zusätzlich geschaffen. Aber schon in den Achtzigern zeichnete sich das Ende des Kinos langsam ab: Der große Saal wurde umgebaut zur Disco "Gala", die Sitzreihen wurden rausgerissen, eine Bar aufgebaut. Noch heute fliegen dort Plakate rum, die auf die Retro-Party "Beatlemania" hinweisen.

Ein alter, dreckiger Kinosaal mit einer zerrissenen Leinwand [Quelle: Radio Bremen, Marina Weidenhaupt]
Filme wurden hier schon lange nicht mehr gezeigt. [Quelle: Radio Bremen, Marina Weidenhaupt]

Heute Stille, Dunkelheit, Dreck, dicke Staubschichten statt Tanzparty. Anstoßen könnte man hier aber noch, auf der Theke stehen halbvolle Weingläser. Rotwein für 4 Mark – den Preis kann man noch an einer Tafel über der Bar lesen. Dazu vielleicht Spaghetti Bolognese für 6,50 Mark oder ein Grillteller für 12,50. Alles lange gegessen – Disco und Kino haben 1991 endgültig dicht gemacht – zu geringe Nachfrage. Der letzte Film ist im Vorführraum sogar noch in die alten Projektoren eingelegt. Watet man durch auseinandergepflückte Filmbänder und aufgerollte Ticketstreifen, kann man ihn sehen: "Go, Trabi, Go".

Abriss geplant

Verstaubte Gläser stehen auf einer Theke [Quelle: Radio Bremen, Marina Weidenhaupt]
Die Weingläser warten schon seit langem auf ihren Einsatz. [Quelle: Radio Bremen, Marina Weidenhaupt]

Seit gut zweieinhalb Jahren gehört das Gebäude einer Immobilienfirma, die es eigentlich gekauft hat, um es vielleicht abzureißen und Wohnraum zu schaffen. Das geht aus baurechtlichen Gründen bisher nicht, das Kino liegt still – und immer wieder wird alles verwüstet, erklärt Jens Ratjen, Vertriebsleiter der Immobilienfirma.

Wir haben das Objekt schon mehrfach gesichert gegen Einbrüche. Es ist aber irgendwie immer wieder Leuten möglich, hier reinzukommen. Das ist nicht unser Wunsch, dass hier so viel Bambule ist. Aber das was hier jetzt so vorhanden ist, an Unordnung, das war auch schon, als wir es gekauft haben. 

Jens Ratjen, Vertriebsleiter

2021 wollen sie eigentlich das Gebäude abreißen – wissen aber noch nicht, ob das klappt. Bis dahin bleiben Leinwände, Weingläser, alte Plakate, Staub und der Flügel die einzigen Bewohner des alten Kinos.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 24. Januar 2020, 11:38 Uhr

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