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Reportage

Gedenkstein für Helgoländer Widerständler

15. Juli 2019, 10:40 Uhr

Im Wald von Cuxhaven-Sahlenburg steht an einer Lichtung großer Findling mit einer Inschrift – ein Gedenkstein für Widerständler aus dem zweiten Weltkrieg. Warum er an diesem Ort steht und an wen er erinnert – das weiß Catharina Spethmann. Die Geschichte beginnt auf Helgoland.

Ein Gedenkstein steht auf einer Rasenfläche, davor hat jemand eine Schale mit Blumen abgestellt. [Quelle: Radio Bremen, Catharina Spethmann]
Gedenkstein für Helgoländer Widerständler im Wald von Cuxhaven-Sahlenburg. [Quelle: Radio Bremen, Catharina Spethmann]

Die Reportage zum Anhören:
Gedenkstein für Helgoländer Widerständler im Wald bei Sahlenburg [3:57 Minuten]

Widerstandsgruppe will Helgoland vor Zerstörung retten

Es ist der 18. April 1945, kurz vor Mittag. Eigentlich ist der Krieg schon fast vorbei. Aber Helgoland erlebt in diesen Minuten einen großen Bombenangriff, der die Insel fast komplett zerstört. Die Bewohner verstecken sich in unterirdischen Gängen in den Felsen. Nur wenige Stunden zuvor war auf Helgoland eine Gruppe Männer festgenommen worden, die genau das – die Zerstörung Helgolands – verhindern wollten. Ihr Plan: Die Insel ohne noch mehr Blutvergießen an die heranrückenden Briten zu übergeben. Manfred Mittelstedt vom Verein für Gedenkkultur in Cuxhaven erinnert sich:

(...) Sie wussten, dass die Engländer kommen werden. Und was sie auch wussten – was auch die oberste Marineführung wusste: Dass am 15. April Bergen-Belsen quasi übergeben wurde und die Engländer anschließend langsam Richtung Lüneburg vordrangen.

Manfred Mittelstedt

Mitverhaftet ist die Frau eines der Männer, des Dachdeckers Georg Braun. Im Haus der Familie in der Kartoffelallee hat sich die Gruppe oft getroffen. Den harten Kern bildeten Georg Braun, die Fähnriche Martin Wachtel und Karl Fnouka, der Obergefreite Kurt Pester und der Helgoländer Gastwirt und Obersignalmaat Erich Friedrichs. Was sie nicht wussten: Zwei angebliche Sympathisanten meldeten ihren Vorgesetzten die Pläne, an der Signalstation die weiße Flagge zu hissen.

Dazu kam es ja nicht. Die fünf Männer und die Frau wurden mit dem Schnellboot nach Cuxhaven geschafft, um sie denn hier vor dem Kriegsgericht entweder zum Tode zu verurteilen oder die Frau zu drei Jahren Zuchthaus zu verurteilen.

Manfred Mittelstedt

Verurteilung zum Tod

Am Vormittag des 21. April verhandelt das Kriegsgericht. Gegen 14 Uhr verkündet es die Urteile. Die Hinrichtung ist für 18 Uhr am selben Abend angesetzt. Der Marinekriegspfarrer Hermann Hartung schreibt später an Kurt Pesters Frau Rosa über ihren Mann:

Er sagte mir gleichfalls, dass sie alle nur das Beste gewollt hätten. Nämlich die Insel Helgoland vor der Vernichtung zu bewahren. Er bat mich darum, einen Aufschub der Vollstreckung zu erwirken, um noch ausführlicher, als es wegen der großen Eile in der Gerichtsverhandlung möglich gewesen war, die Gründe seines Verhaltens darzulegen. Ich ging dann sofort wieder zum Kriegsgericht und beantragte, die Vollstreckung des Todesurteils auszusetzen und noch einmal über den Fall zu verhandeln. Leider war es jedoch vergebens.

Die Kinder der Brauns hatten die Verhaftung ihrer Eltern mitbekommen. Am Abend, nach einem weiteren Bombenangriff, gelingt es ihnen, auf einem Frachter nach Cuxhaven zu kommen. Ihre Mutter wird erst Wochen später wieder freigelassen. Ihren Vater sehen sie nie wieder. Manfred Mittelstedt zeigt auf zwei tiefe, grün überwucherte Gräben am Rand der Lichtung. Früher war hier der Schießstand, an dem Menschen starben.

"Menschenleben können nicht aufgerechnet werden"

Mehrere Male haben Unbekannte den Gedenkstein in der Nähe des Schießstands beschädigt, zuletzt an Ostern.

Aber auch bei der Marine tue man sich mit dem Gedenken schwer, sagt Manfred Mittelstedt. Nach dem Kommandanten Rolf Johannesson, der die Erschießungsurteile der fünf Helgoländer bestätigte und nach dem Krieg seine Karriere fortsetzte, hat die Marine einen Preis benannt. Er wird bis heute verliehen.

Kann man einen Preis nach Admiral Johannesson benennen, wenn man weiß, dass letztendlich diese hier hingerichtet worden sind? (...)

Manfred Mittelstedt

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 15. Juli 2019, 10:38 Uhr

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