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Ostrittrum

Ein Privatfriedhof an der Hunte

24. Februar 2020, 11:40 Uhr

Das Niedersächsische Bestattungsgesetz regelt ziemlich genau, was mit Menschen zu geschehen hat, wenn sie gestorben sind. Särge oder Urnen dürfen nur unter klar definierten Bedingungen an ebenso klar definierten Orten bestattet werden. Um so mehr erstaunt es, wenn man in einer der schönsten Gegenden an der mittleren Hunte im Landkreis Oldenburg unerwartet einen ganz kleinen, offenbar privat angelegten Friedhof findet. Darf der hier überhaupt sein? Und warum ist er da?

Ein Privatfriedhof an der Hunte bei Ostrittrum, angelegt am Ende des Zweiten Weltkrieges, an einem idyllischen Ort. Gerhard Snitjer hat ihn entdeckt.

Autor/-in: Gerhard Snitjer
Länge: 3:32 Minuten
Datum: Montag, 24. Februar 2020
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Das Ufer der Hunte ragt hier stolze 14 Meter empor und ist von alten Bäumen bewachsen. Ein kleiner Pfad, leicht zu übersehen, führt zu einem niedrigen grünen Holztor. Dahinter liegt der winzige Friedhof. Das Quadrat von vielleicht 10 mal 10 Metern ist mit Findlingen säuberlich eingefasst. Eine bescheidene Holzbank steht da. Und wenige Grabsteine, mit insgesamt sieben Namen drauf. Das erste Begräbnis hat hier offenbar im April 1945 stattgefunden.

In der Umgebung des Dorfes Ostrittrum gab es in jenen letzten Kriegstagen noch Kämpfe zwischen deutschen und britischen Truppen, sagt Margret Hübner. Sie selbst war noch gar nicht auf der Welt, aber sie weiß aus Erzählungen, dass auf dem Bauernhof ihrer Großeltern deutsche Soldaten einquartiert waren.

Meine Großmutter hat ihnen Essen rausbringen wollen. Hat also die Dielentür aufgemacht, ist über den Hof gegangen und ist genau in dem Augenblick dann von einem Granatsplitter in die Halsschlagader getroffen worden. Und das war so heftig, dass sie so zusammengebrochen ist und dort verstorben ist.

Eine idyllische Grabstätte

Dora Bruns, 55 Jahre alt, verblutete auf dem Hof. Und ihre Familie musste nicht nur Schock und Trauer verarbeiten. Ehemann Hubert Bruns musste außerdem sehr schnell eine Entscheidung fällen. Denn an eine ordnungsgemäße Bestattung war nicht zu denken, aber die Zeit drängte.

Das konnte ja nicht aufgeschoben werden. Es war warmes Frühlingswetter. Und er konnte nicht zum Friedhof nach Dötlingen hinkommen, wegen der Verminung der Wege. Vielleicht war es auch sowieso ein bisschen unsicher, sich da durch das Gelände zu bewegen, wenn man nicht weiß, wo da gekämpft wird.

Es dürfte darum auch eine ganz kleine Beerdigungsgesellschaft gewesen sein, die Dora Bruns in jenem Frühling zur letzten Ruhe geleitete. Ihr naturbegeisterter Ehemann hatte – und das ist heute noch zu sehen – einen idyllischen Ort dafür gewählt.

Weil er ja nicht zum normalen Friedhof hinkonnte, hat er das schönste Fleckchen Land ausgesucht, mit seinem sicheren Blick für Naturschönheiten. Und es war ja auch sein Eigentum. Das war ja die Voraussetzung.

Familiengrab im Wald

Margret Hübner, die drei Jahre nach Kriegsende zur Welt kam, kann sich kaum erinnern, dass die Todesumstände ihrer Oma im Gespräch der Erwachsenen oft thematisiert worden wären. Das Leben auf dem Hof musste einfach weitergehen – und das tat es, auch damals im Jahr 1945.

Meine Mutter hat im gleichen Jahr geheiratet, und mein Großvater hat dann den Hof an seinen Schwiegersohn abgegeben, hat sich aber nicht auf das eigentliche Altenteil zurückgezogen, sondern er hat die Wälder bewirtschaftet, er hat den Mühlenteich gepachtet von seinem Schwager, hat Karpfen gehalten, hat die Hunte befischt und ist natürlich auch ein bisschen auf die Jagd gegangen.

Und als er in den 60er Jahren starb, wurde er neben seiner Frau beigesetzt. Dort stand längst ein Grabstein, denn inzwischen hatte die Familie den kleinen privaten Friedhof, der aus der Not entstanden war, legalisieren lassen.

Es ist ja bei uns üblich, dass Familienmitglieder in einer Grabstätte beerdigt werden. Und dann war ja nun 1945 diese Keimzelle gelegt worden. Und das ist dann seither die Familiengrabstätte.

Es hat also in der Zwischenzeit weitere Bestattungen in dieser kleinen Einfriedung gegeben. Zuletzt wurde die Tochter von Dora Bruns hier beerdigt, die Mutter von Margret Hübner. Die wiederum pflegt das Familiengrab und stellt oft fest, dass viele hierher pilgern:

Ich werde am Sonntagmorgen dort nicht wieder hingehen, um Laub zu harken, weil ich dann gar nicht zum Laubharken komme. Da kommen an einem schönen, sonnigen Tag dann so viele Bekannte auch, die dann nochmal Fragen stellen und etwas Näheres wissen wollen.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 24. Februar 2020, 11:40 Uhr.

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