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Reportage aus Bremerhaven

Das alte Auswandererhaus

20. Mai 2019, 11:40 Uhr

Dass Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben ihre Heimat verlassen, ist kein neues Phänomen. Bis ins 20. Jahrhundert hinein verließen auch zahlreiche Deutsche das Land, vor allem Richtung USA und Südamerika. Viele von ihnen wanderten über Bremerhaven aus. Wer heute durch die Stadt geht, sieht an einigen Stellen noch Spuren aus dieser Zeit. Ein Relikt: das Gebäude der heutigen Hochschule.

Giebel der Hochschule Bremerhaven  [Quelle: Radio Bremen, Catharina Spethmann]
Die Hochschule Bremerhaven: Früher war hier das Auswandererhaus, mit Schlafplätzen für mehrere Tausend Menschen. [Quelle: Radio Bremen, Catharina Spethmann]

Roter Klinker, mit gelben Ziegeln abgesetzte Fensterbögen, die oberen beiden der vier großen, blau gestrichenen Fenster werden noch einmal extra gekrönt von einem Bogen über einem Kreis aus gelben Ziegeln. Dirk Peters von der Schiffahrtsgeschichtlichen Gesellschaft erklärt:

Wir befinden uns hier auf historischem Gelände, der historischen Karlsburg aus dem 17. Jahrhundert. Und als Bremerhaven gegründet wurde, hat 20 Jahre später, als die Auswanderung über Bremen Fahrt aufnahm, ein Bremerhavener Spediteur, Johann Georg Claußen 1849 dieses Grundstück gekauft . Er hat dann hier das Auswandererhaus errichtet, was 1850 eröffnet wurde.

Claußen hatte offenbar einflussreiche Freunde unter den Bremer Kaufleuten, die ihm auch Geld liehen. Der Senat gab ihm das Grundstück – auch, um Missständen bei der Versorgung der Auswanderer in Bremerhaven abzuhelfen. Denn die Reisenden mussten wegen der schwer planbaren Abfahrten der Segelschiffe oft wochenlang in der Stadt warten. In dieser Zeit waren sie leichte Beute für skrupellose Geschäftemacher.

Man hat sie ausgebeutet, ausgenutzt, gerade auch die jungen Frauen. Es war sehr schwierig. Und sie hatten ja ohnehin wenig Geld. Und deswegen, wenn sie denn hier vier Wochen in Bremerhaven waren und denn auch noch was bezahlen mussten….

Bessere Bedingungen für Auswanderer

Dass Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben ihre Heimat verlassen, ist kein neues Phänomen. Bis ins 20. Jahrhundert hinein verließen auch zahlreiche Deutsche das Land, vor allem Richtung USA und Südamerika. Viele von ihnen wanderten über Bremerhaven aus. Wer heute durch die Stadt geht, sieht an einigen Stellen noch Spuren aus dieser Zeit. Ein Relikt: das Gebäude der heutigen Hochschule.

Autor/-in: Catharina Spethmann
Länge: 3:38 Minuten
Datum: Montag, 20. Mai 2019
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Auch wenn die Auswanderer nicht viel Geld hatten – ihre Schiffspassagen bezahlten sie. Dieses Geschäft wollten die Bremer nicht den Konkurrenten in Hamburg überlassen. Sie hatten also Interesse daran, die Auswanderung über Bremerhaven attraktiv zu machen. Das Auswandererhaus galt vielen damals als vorbildliche Unterbringung. Es gab Schlafsäle für 2.000 Menschen, eine große Küche, ein Hospital. Die Auswanderer sollten unter erträglichen Bedingungen leben können.

Allerdings waren die Toiletten nicht im Haupthaus des markanten Gebäudes untergebracht, sondern nur über den äußeren Hof zu erreichen. Das rächte sich:

Mit manchen unserer auswandernden deutschen Brüder und Schwestern muss sehr verständlich gesprochen werden, um sie an Ordnung, namentlich an Reinigung zu gewöhnen.

schrieb Claußen 1851, als er eine neue Hausordnung verfasste. Darin hieß es:

Jede Befriedigung eines Bedürfnisses an einer anderen Stelle des Hauses oder seiner Umgebung [...] muss durchaus vermieden werden. Etwa während der Nacht benutzte Nachgeschirre müssen in den Sommermonaten morgens um 5 Uhr, in den Wintermonaten um 6 Uhr heruntergebracht und in die Abtritte ausgelassen werden. [...] Flüssigkeiten aus dem Fenster zu gießen, ist durchaus untersagt.

aus der Hausordnung für das Auswandererhaus

Deutliche, aber offensichtlich vergebliche Worte: 1853 brach im Haus die Cholera aus. Noch im Vorjahr hatten hier insgesamt mehr als 32.000 Reisende logiert. Nun wurde das Haus geräumt, gereinigt, gründlich gelüftet und dann wieder in Betrieb genommen.

Brauerei, Kaserne, Hochschule

Einige Jahre später war aber trotzdem Schluss: Die Dampfschiffe setzten sich durch. Ihre Abfahrten waren wetterunabhängig möglich und damit planbar. Ab 1862 verkehrte außerdem die Geeste-Bahn von Bremen. Die meisten Auswanderer kamen nun nicht mehr per Segelschiff die Weser herunter nach Bremerhaven, sondern mit der Bahn erst kurz vor der Einschiffung. Das Auswandererhaus stand mehrfach leer, diente zwischendurch als Kaserne und Brauerei. 1979 kaufte es der Bremer Senat für die damals neu gegründete Bremerhavener Hochschule.

Und das Gute war, dass man die historischen Reste – im Kriege sind Teile des Auswandererhauses zerstört worden – wieder sichtbar gemacht hat.

Dirk Peters

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 20. Mai 2019, 11:40 Uhr.

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