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Reportage

Ammerländer Tabakfabrik

22. Juni 2020, 11:38 Uhr

Wir stellen immer wieder ungewöhnliche Orte vor oder seltsame Fundstücke, deren Herkunft ein bisschen im Dunkeln liegen. So verhält es sich mit einem Flohmarktfund, der in Bad Zwischenahn aufgetaucht ist. Ein kleines Päckchen mit losem Tabak, der aus einer Ammerländer Tabakfabrik stammen soll, deren Wurzeln offenbar in Bremen liegen. Kristin Hunfeld hat sich auf Spurensuche begeben.

Eine alte gelbe Tabakdose [Quelle: Radio Bremen, Kristin Hunfeld]
Tabak aus dem Ammerland – das war einmal. [Quelle: Radio Bremen, Kristin Hunfeld]

Die Reportage zum Anhören:
Tabak aus dem Ammerland [3:39 Minuten]

"Rauchtabak Erntestolz – vollaromatisch würzig pikant" steht in schwarzer Schrift auf dem gelblich-braunen Päckchen und darunter: "Dunkler Kleinpflanzer-Feinschnitt, hergestellt nach fabrikeigenem Veredelungsverfahren". Die Aufschrift auf der Seite der zigarettenschachtelgroßen Packung verrät die Herkunft der Rauchware: "Erste Ammerländer Tabakfabrik Johann Heinrich Müller, Bad Zwischenahn in Oldenburg". Von einer solchen Fabrik hatte Klaus Harms noch nie gehört, als ihm ein Bekannter das Fundstück vom Flohmarkt mitbrachte. Sofort machte der Hobbyhistoriker sich an die Recherche.

Ich habe rausbekommen, dass diese Firma Johann Heinrich Müller "An den Wiesen" Nummer fünf gestanden hat. Die haben 1947 eine Baugenehmigung bekommen für ein kleines Haus mit einer Halle, und da waren um 1950 etwa zehn bis zwölf Leute beschäftigt.

Klaus Harms, Hobby-Historiker

Kleinpflanzer

In einem Ammerländer Adressbuch für die Jahre 1949 bis 1952, das er sogar in seiner eigenen Sammlung hatte, fand Klaus Harms eine Werbeanzeige, die ihm bis dahin nie aufgefallen war. Der Tabak wurde mit der Bahn nach Bad Zwischenahn geliefert und mit einer Spedition Hardenberg zur Firma Müller gebracht, erzählt Klaus Harms. Aber auch heimischer Tabak kam zum Einsatz. Hier kommen die auf dem Erntestolz-Päckchen erwähnten Kleinpflanzer ins Spiel. Nur für den eigenen Bedarf des Kleinpflanzers sei nämlich der Tabak bestimmt, vermeldet eine Aufschrift an der Seite. Passend dazu entdeckte Klaus Harms im Archiv in Westerstede in einer alten Ausgabe der Ammerländer Zeitung folgenden Aufruf:

Wichtig für Tabak Kleinpflanzer: letzter Termin für den Tabak-Kleinpflanzer-Umtausch des Erntejahres 1952 ist der 25. September 1953. Feinschnittguthaben, die bis dahin nicht eingeholt worden sind, müssen den gesetzlichen Bestimmungen zufolge verfallen.

Tabakernte als Ferienjob 

Klaus Harms sitzt in einem Garten [Quelle: Radio Bremen, Kristin Hunfeld]
Klaus Harms hat sich auf Spurensuche begeben. [Quelle: Radio Bremen, Kristin Hunfeld]

Die Kleinpflanzer konnten sich nämlich den von ihnen gelieferten Rohtabak in Naturalien, also mit fertigem Tabak vergüten lassen. Angepflanzt wurde der Ammerländer Tabak unter anderem in Meyerhausen, einer kleinen Bauernschaft direkt am Zwischenahner Meer. Dort half der heute 69-jährige Jochen Grambart als Schüler in den Ferien bei der Ernte. Beim Bauern Renken in Aue wurden die Blätter zum Trocknen in einer großen Diele aufgehängt, erinnert sich Jochen Grambart. Anschließend konnten sie vorwiegend als Deckblätter genutzt werden, um die Zigarren einzuwickeln. Verwendet wurde dazu eine sogenannte Wickelform. Ein hölzerner Kasten mit zwei Teilen. Klaus Harms besitzt davon gleich mehrere, ebenfalls Fundstücke vom Flohmarkt und ebenfalls hergestellt im Ammerland.

Spur endet in Bremen

Mitte der 1950er Jahre gab die Inhaberin, Martha Müller, die kleine Fabrik auf, aus "unverschuldeten wirtschaftlichen Gründen", wie sie angab. Das Schreiben entdeckte Klaus Harms im Gemeindearchiv. Bleibt am Ende nur noch ein Rätsel übrig. Denn auf dem Päckchen Erntestolz vom Flohmarkt ist ein Stammhaus der Firma Johann Heinrich Müller genannt, gegründet 1892 in Bremen. Dort ging das Unternehmen 1923 in eine Firma E.F. Schellhass über, die wiederum bis 1933 bestand. Über diese Verbindungen und darüber, warum die Müllers 1946 nach Bad Zwischenahn kamen, konnte Klaus Harms bislang nichts finden.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 22. Juni 2020, 11:38 Uhr

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