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Luchs 309

Das Schicksal ist ein mieser Verräter

Kinder- und Jugendbuchpreis

4. Oktober 2012

Das neue Jugendbuch des amerikanischen Bestseller-Autors John Green wurde mit dem Luchs des Monats Oktober ausgezeichnet. Luchs-Juror Hartmut El Kurdi erzählt, warum ein so trauriger Roman den Kinder- und Jugendbuchpreis von Radio Bremen und Die Zeit bekommen hat:

Weil es nicht nur traurig, sondern  – wie das Leben ja auch oft – gleichzeitig traurig und komisch, verzweifelt und hoffnungsvoll, ernst und witzig. Vor allem erzählt es eine wundervolle Liebesgeschichte von zwei besonderen Jugendlichen, die unter besonders schwierigen Umständen leben.

Was sind diese besonders schwierigen Umstände?

Hazel, die Ich-Erzählerin, ist sechzehn und leidet seit Jahren an Schilddrüsenkrebs, eine Chance auf Heilung gibt es nicht. Dass sie überhaupt noch lebt, liegt an einem neuen Medikament, das das Fortschreiten der Krankheit nur verzögern, aber nicht verhindern kann. Hazel fühlt sich deswegen wie eine "tickende Zeitbombe". Eine Bombe, die, wenn sie explodiert, den Menschen in ihrer Nähe schwere Verletzungen zufügt. Deswegen versucht sie auch, sich nicht in den siebzehnjährigen Augustus, genannt Gus, zu verlieben, obwohl sie ihn vom ersten Moment an rasend interessant findet. Aber sie will eben nicht noch mehr potentielle Bombenopfer schaffen.

Buch-Cover [Quelle: Hanser Verlag]
John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter, Hanser Verlag, 16,90 Euro [Quelle: Hanser Verlag]

Gelingt es ihr, sich nicht zu verlieben?

Natürlich nicht. Erstens kann man ja meist nichts dagegen machen und zweitens lässt Gus auch nicht locker. Er ist charmant, witzig, einfühlsam. Und er kennt sich mit Krebs aus. Ihm wurde deswegen selbst ein Bein amputiert: Knochenkrebs. Aber im Gegensatz zu Hazel scheint die Krankheit bei ihm besiegt zu sein.

Das heißt, er hat eine Zukunft und sie nicht.

Vor allem hat ihre Liebe keine Zukunft. Das wissen beide. Hazel und Gus haben nur die Gegenwart. Eine Gegenwart, die man, so gut es geht, genießen muss. Und in der man täglich gegen die Traurigkeit – die eigene und die der anderen – kämpfen muss.

Und wie tun sie das? Gegen die Traurigkeit kämpfen?

Auch und immer wieder mit Sprache. Und das ist das eigentlich Großartige an diesem Roman. Egal, ob die beiden sich von Angesicht zu Angesicht unterhalten, telefonieren oder schnell ein paar Sätze simsen, egal ob sie sich aus ihrem Leben erzählen oder ihre oft hilflose Umwelt kommentieren  – die Dialoge sind stets ebenso komisch wie sie existentiell sind. Kein Smalltalk, kein Geplapper, sondern kluge, witzige Schlagabtausche, halbphilosophische Betrachtungen des Lebens oder sarkastische Anmerkungen zum Alltag. Und über diese kleinen und großen Pointen muss man tatsächlich oft Lachen. Dieses Lachen macht das Leid zwar nicht weniger schrecklich, aber immerhin kurzzeitig ein bisschen erträglicher. Nicht mehr und nicht weniger. 

Hazel sagt irgendwo im Buch "Krebsbücher sind doof". Warum ist dieses Krebsbuch nicht doof?

Weil es kein Krebsbuch ist. Es ist wie jeder guter Roman einfach eine Geschichte über Menschen, die versuchen, mit den Zumutungen des Lebens zurecht zu kommen. Und zudem ist es auch noch eine Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten von Literatur.

In welcher Form findet dieses Auseinandersetzung statt?

Hazels hat ein Lieblingsbuch, es heißt "Ein herrschaftliches Leiden" und das ist sozusagen ein Spiegelbild von "Das Schicksal ist ein mieser Verräter". Auch darin erzählt ein krebskrankes Mädchen aus ihrem Leben und ist dabei ebenso offen und schonungslos wie Hazel selbst. Und über diesen fiktiven Roman, reflektiert sich auch Greens Roman ständig selbst.

Das klingt jetzt etwas literaturtheoretisch...

Ist es aber nicht. Weil auch diese Reflektionen über Handlung passieren.  Und überhaupt ist in diesem Buch nichts theoretisch, sondern alles sehr direkt. Voll auf die Zwölf. Vor allem spürt man in jeder Szene, in jedem Dialog eine große Liebe Greens zu seinen jugendlichen Helden und ein tiefes Mitgefühl mit ihnen. Er schafft es, uns abwechselnd zum Lachen, Weinen und Nachdenken zu bringen. Was mehr könnte man von einem Roman verlangen?

John Green [Quelle: © Peter-Andreas Hassiepen]
John Green [Quelle: © Peter-Andreas Hassiepen]

Der Autor

John Green, 1977 geboren, erlangte bereits mit seinem Debüt Eine wie Alaska (Hanser, 2007) Kultstatus unter jugendlichen Lesern. Das Buch wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem war es für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Darauf folgten die Jugendromane Die erste Liebe (nach 19 vergeblichen Versuchen) (2008) und Margos Spuren (2010), ebenfalls nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis und ausgezeichnet mit der Corine. Inzwischen wird Green mit Philip Roth und John Updike verglichen. Er lebt mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn in Indianapolis. Das Schicksal ist ein mieser Verräter, das in den USA schon vor dem Erscheinen ein Bestseller war, erschien bei Hanser. 

Sophie Zeitz [Quelle: © A. Ventura]
Sophie Zeitz [Quelle: © A. Ventura]

Die Übersetzerin

Sophie Zeitz, 1972 in Frankfurt am Main geboren, studierte Amerikanistik, Spanisch und Philosophie. Drei Jahre war sie Lektorin in einem Münchner Verlag, dann machte sie sich als Literaturübersetzerin selbstständig. Heute lebt sie in Berlin.

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