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Luchs 305

Pampa Blues

Kinder- und Jugendbuchpreis

6. Juni 2012

Der 16-jährige Ben sitzt in dem verschlafenen Nest Wingroden fest, wo es nicht viel mehr gibt als eine Tankstelle, den Baggersee und die schöne Friseuse Anna. Als der Visionär Maslow Nachrichten von einem Ufo verbreitet, um den Ort in eine Pilgerstätte zu verwandeln, taucht Lena mit ihrer Kamera auf. Maslows Plan scheint zu funktionieren.

Doch dann treibt das Ufo in den Nachbarort ab, Polizei und Presse kommen wegen eines Mordverdachts, Lena ist gar keine Journalistin – und Ben ist verliebt.

"Pampa Blues" heißt das erste Jugend-Buch des Schweizer Autors Rolf Lappert. Es wurde in diesem Monat mit dem "Luchs", dem Kinder- und Jugendbuchpreis von Radio Bremen und Die Zeit,  ausgezeichnet. Hartmut El Kurdi, Mitglied der Luchs-Jury, hat das Buch bereits gelesen..

Was ist das besondere an "Pampa Blues", warum bekommt es den Preis?

Das besondere ist neben einer tollen Story die Stimmung, die über dem Buch schwebt - und wie der Autor diese beschreibt. Nicht umsonst kommt im Titel das Wort "Blues" vor. Der Blues ist ja eine ganz eigenwillige Musikform: Weder Dur noch Moll, nicht schnell, aber auch nicht wirklich langsam, einerseits traurig, aber nicht verzweifelt, nie ganz ohne Hoffnung, manchmal sogar auch abgeklärt und komisch. Und der Autor schafft es, sozusagen eine sprachliche Übersetzung für diesen Sound zu finden. Sehr knapp, sehr lakonisch. So, dass man teilweise das Gefühl hat, im Hintergrund eine Bottleneck-Gitarre zu hören.

Buchcover Pampa Blues [Quelle: Hanser Verlag]
Rolf Lappert: "Pampa Blues", ab 14 Jahre, Hanser Verlag, 256 Seiten, 14,90 Euro [Quelle: Hanser Verlag]

Und worum geht es in der Geschichte?

Die Hauptfigur ist der 16jährige Ben. Sein Vater ist tot, seine Mutter tingelt die meiste Zeit als Jazz-Sängerin durch Europa. Ben lebt bei seinem Opa Karl in dem winzigen Dorf "Wingroden“, irgendwo in der norddeutschen Einöde, also in der "Pampa". Dort macht er in der verfallenen Gärtnerei seines Opas eine Lehre, zumindest offiziell. In Wirklichkeit kann Karl ihn gar nicht mehr ausbilden, weil er schwer dement ist. Also pflegt und betreut Ben seinen Großvater. Zumindest, wenn seine Mutter nicht da ist.

Nicht gerade das typische Leben für einen Sechzehnjährigen..

Nein, überhaupt nicht. Und natürlich träumt Ben von einem anderen Leben. Einerseits schraubt er an einem alten VW-Bus herum, mit dem nach Afrika fahren will, sobald er 18 ist, andererseits träumt er im Alltag vom üblichen kleinen Glück. Zum Beispiel davon, ein Konzert seiner Lieblingsband "Green Day" zu besuchen, dabei vielleicht ein Mädchen kennen zu lernen, mit ihr noch etwas trinken zu gehen... und dann mal schauen...  Aber in der Realität geht gar nichts, weil er ja seinen Opa nicht allein lassen kann.

Hat er denn überhaupt irgendwelche Freunde?

Jein. Im ganzen Dorf wohnen nur zehn Leute, aber natürlich keine anderen Jugendlichen. Aber trotzdem hat Ben einen Freund: Maslow, einen über fünfzigjährigen, dandyhaften und weitgereisten ehemaligen Golfprofi, der beschlossen hat, sein Heimatdorf zu einer Touristenattraktion zu machen. Was natürlich nicht klappt, bis zu dem Tag, an dem das Ufo am nächtlichen Himmel erscheint.

Jetzt wird die Geschichte zum Science-Fiction-Roman?

Nein, denn natürlich ist das Ufo nicht echt, sondern aus Pappe und auch wieder nur eine von Maslows durchgeschepperten Marketing-Ideen. Als dann aber eine junge Frau namens Lena auftaucht und eine Autopanne vortäuscht, ist sich Maslow sicher, dass sein Plan aufgeht. Maslow glaubt nämlich, dass Lena eine Undercover-Reporterin ist, die über den Ufo-Landeplatz Wingroden als eine Art norddeutsches Roswell berichten will.

Und – ist sie das?

Das ist eigentlich nicht wichtig. Wichtiger ist, dass Ben sich augenblicklich in die drei Jahre ältere Lena verliebt. Am Anfang vielleicht nur, weil sie eben ein Mädchen ist und sich irgendwie auch für ihn interessiert, dann aber auch, weil er spürt, dass sie ein Geheimnis hat und wie er auf der Suche ist.

Und wie geht die Geschichte aus?

Das darf ich im Detail natürlich nicht verraten. Nur soviel: Am Ende platzt die ganze Ufo-Blase mit lautem Knall, ein Mensch stirbt, andere Menschen werden verhaftet, Opa Karl wird kurzzeitig ausgesetzt und Maslow bricht sich beide Beine.

Eine Geschichte ohne Happy End?

Nein, aber es ist doch ein gutes Ende. Alle bekommen das, was sie brauchen: Eine Zukunft. Vor allem Ben. Und so gesehen ist "Pampa Blues" auf eine ganz eigenwillige Art auch ein utopischer Roman. "Utopia" ist ja ein altgriechisches Wort und bedeutet "Nicht-Ort" oder "Niemandsland". Und wenn man den Dorfnamen "Wingroden" auseinander nimmt und die Buchstaben neu ordnet entsteht überraschenderweise das Wort "Nirgendwo".

Der Autor

Rolf Lappert [Quelle: Hanser Verlag]
Rolf Lappert [Quelle: Hanser Verlag]

Rolf Lappert ist 1958 in Zürich geboren. Zunächst machte er eine Ausbildung zum Grafiker. Das Schreiben hatte er für längere Zeit unterbrochen und gründete mit einem Freund einen Jazz-Club. Von 1996 bis 2004 arbeitet Rolf Lappert als Drehbuchautor, unter anderem für eine Serie des Schweizer Fernsehens. Nachdem er einige Zeit in Irland wohnte, lebt er jetzt wieder in der Schweiz. Ausgezeichnet wurde Rolf Lappert bislang mit dem Preis der Schiller-Stiftung und Werkbeitrag der Stadt Zürich. Sein Buch "Nach Hause schwimmen" stand zusammen mit fünf anderen Werken im Finale um den Deutschen Buchpreis und erhielt wenig später den erstmals verliehenen Schweizer Buchpreis. Nach "Auf den Inseln des letzten Lichts" ist "Pampa Blues" sein drittes Werk.

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