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Luchs 370

Die Königinnen der Würstchen

Clémentine Beauvais

16. November 2017

Teenager können grausam sein. Vor allem zu anderen Teenagern, die nicht ins Mainstream-Schönheitskorsett passen. Von drei Mädchen, denen genau das passiert, handelt das Jugendbuch, das von Radio Bremen und der "Zeit" mit dem Luchs des Monats ausgezeichnet wird: "Die Königinnen der Würstchen" von der jungen französischen Autorin Clémentine Beauvais.

Cover: Clémentine Beauvais, Die Königinnen der Würstchen, Carlsen [Quelle: Carlsen]
Clémentine Beauvais, Die Königinnen der Würstchen, Carlsen [Quelle: Carlsen]

Worum geht es?

Es geht in erster Linie um Cyber-Mobbing, aber dann auch um Ausgrenzung im weiteren Sinne. Mireille, Astrid und Hakima sind von ihren Schulkameraden nämlich gerade auf Facebook zu den hässlichsten Mädchen gewählt worden, zu den drei "Würsten des Jahres". Die drei Mädchen schließen sich zusammen, das macht es für alle etwas leichter.

Vor allem, weil Mireille, die Bronzewurst, ein tolles Mädchen ist: Schlagfertig und tatkräftig. Sie spricht uns Leser zwischendurch auch öfter mal direkt an. In den letzten Jahren stand sie auf Platz eins und hat sich inzwischen ein dickes Fell zugelegt. Ihr leiblicher Vater, ein deutscher Philosoph, den sie Klaus von Strudel nennt, hat sich noch vor ihrer Geburt von ihrer Mutter getrennt und die jetzige französische Präsidentin geheiratet, Mireille nennt sie Barack Obamette. Und Mireille leidet darunter, dass ihr Vater nie auf ihre Briefe geantwortet hat.

Hakima hat ganz andere Sorgen: Ihr Bruder war als Soldat für Frankreich im Krieg, Mireille sagt: In Elendistan, und er hat dabei beide Beine verloren und sitzt jetzt im Rollstuhl. Und der General, der ihm das eingebrockt hat, Mireille nennt ihn M. Oerder – der soll jetzt ausgerechnet von der Präsidentin ausgezeichnet werden, am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag.

Von Barack Obamette also. Das ist aber echt ganz schön tragisch. Hat die dritte Wurst des Jahres auch so eine Geschichte?

Naja, Astrid schämt sich für ihr Aussehen, vielleicht mehr als die anderen beiden, und sie ist ein bisschen nerdig, also: sie spielt immer so komische Computerspiele, wo man eine Firma führen oder einen Bauernhof bewirtschaften muss und so. Und sie ist der allergrößte Fan der Band Indochine. Die spielen am Nationalfeiertag im Elyseepalast, wo der General ausgezeichnet wird. Also beschließen sie alle, nach Paris zu fahren. Mireille, um ihrem Vater die Meinung zu sagen, Hakima mit ihrem Bruder, um dem General den Orden abzureißen – und Astrid, um ihre geliebte Band zu sehen. Und zwar fahren die Mädchen mit dem Fahrrad, obwohl sie ziemlich unsportlich sind. Zwei Wochen dauert die Reise, und sie nehmen einen Anhänger voller Würste mit, die sie unterwegs grillen und verkaufen.

Das klingt nach einem ziemlich schrägen Roadmovie. Was erleben sie denn unterwegs?

Vor allem werden sie berühmt. Drei Würste des Jahres, die Würste verkaufen! Das spricht sich schnell rum und zieht im Netz so weite Kreise, dass sie nach ein paar Tagen einen ganzen Tross von Journalisten mitschleifen, die alle vergeblich rausfinden wollen: Was wollen die drei in Paris? Die Autorin baut also fiktive Netzeinträge und Zeitungsartikel ein, und auch Internetkommentare, die sich täuschend echt lesen, vor allem die dummen und gehässigen. Die Reisebeschreibung ist sehr französisch – es geht viel um regionale Besonderheiten, Sehenswürdigkeiten und kulinarische Spezialitäten. Es geht um die Menschen, denen sie begegnen und die die Mädchen für ihren Mut und ihre Selbstironie feiern. Um das erste Verliebtsein. Und dann ist da natürlich noch der Junge, der die Wahl zur Wurst des Jahres angezettelt hat, und der steht jetzt ganz schön blöd da.

Also, das klingt, als wärst auch Du sehr überzeugt von diesem Buch?

Ja, ich hab's total gerne gelesen. Der Sprachwitz ist fantastisch, es sind ganz moderne, lässige Figuren, keine Klischees, und Beauvais arbeitet mit tollen Bildern. Das Chateau de Longuemort beschreibt sie zum Beispiel als ein junges Mädchen mit Männerfüßen, weil sich da verspielte Türmchen auf einer mittelalterlichen Festung stapeln. Und die Übersetzung von Anette von der Weppen kriegt es hin, dass das alles auch auf Deutsch funktioniert. Da brummseln die Bienen gegen die Rosen, und man hat sofort den Sound im Ohr und das Bild im Kopf.

Apropos Bild: Es gibt eine Metapher, die die Situation der gemobbten Mädchen sehr schön darstellt: Die ersten Menschen haben nämlich Wildpferde gejagt, indem sie sie auf einen bestimmten Felsen getrieben haben, und die Pferde sind dann auf der anderen Seite steil nach unten gestürzt. Die drei Würste des Jahres werden gewissermaßen auch in die Enge getrieben, aber sie haben zwei Möglichkeiten: Sie können hilflos zu Boden stürzen und sich fressen lassen. Oder sie lassen sich Flügel wachsen und schweben ihren verdutzten Jägern einfach davon. Und den drei Heldinnen gelingt das. Das ist für mich das Herausragende an diesem Buch: Diese Mädchen sind keine Mobbing-Opfer. Sie brauchen kein Mitleid. Und am Ende zeigt sich, wer hier das arme Würstchen ist und wer die Königin.

Buchinfos:
Clémentine Beauvais: "Die Königinnen der Würstchen". Carlsen-Verlag, 288 Seiten, 17 Euro.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 16. November 2017, 11:10 Uhr

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