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Luchs

Lienekes Hefte

Kinder- und Jugendbuchpreis Luchs 266

16. April 2009

Zum Buch

"Vor unserer Abreise versammelte uns Mama alle um ihr Bett, das sie wegen ihrer Krankheit nicht mehr verlassen konnte. "Von heute an", hat sie zu uns gesagt, "können wir nicht mehr zusammen sein. Wir werden uns eine Zeitlang nicht sehen. Von heute an sind wir nicht mehr dieselbe Familie. Alles muss sich ändern. Ihr seid nicht mehr die, die ihr einmal wart. Ihr seid keine Juden mehr."

Lieneke van der Hoeden [Quelle: Lieneke van der Hoeden]
Lieneke van der Hoeden [Quelle: Lieneke van der Hoeden]

Sie hatte eine Liste aufgestellt mit all den Dingen, die wir nicht mehr sagen und machen durften. Jeder von uns musste seinen neuen Namen lernen. Ich, die ich immer Lieneke van der Hoeden geheißen hatte, hieß nun Lieneke Versteeg. Meine Schwester war nicht mehr meine Schwester, sondern eine Cousine. Sie hieß nicht mehr Rachel, sondern Frans. Aus meinem Vater, Jacob van der Hoeden, wurde Mijnheer de Jaeger, einen Freund der Familie, den ich von nun an Onkel Jaap oder Jeek nennen sollte. Und meine Mutter, die eigentlich Lien hieß, wurde zu Jeanne.
Es war wie ein Spiel. Aber es war nicht lustig, und als ich meine Mutter umarmte, fühlte ich, dass unser Leben auseinanderfiel wie ein Puzzle, das man mit der Hand vom Tisch fegt", so erinnert sich nach Jahren im Gespräch mit Agnès Desarthe Lieneke van der Hoeden an die schreckliche Zeit der Nazi-Okkupation.

Ab sofort ist das kleine Mädchen ganz auf sich gestellt. Sie wohnt bei fremden Menschen und darf nie zeigen, dass sie Angst hat. Natürlich vermisst Lieneke ihre Familie, ist traurig und fühlt sich allein. Bis eines Tages eine Sendung ihres Vaters eintrifft. Insgesamt neun kleine Heftchen hat Jacob van der Hoeden seiner Tochter bis zur Befreiung der Niederlande heimlich zukommen lassen, um Lieneke das Gefühl des Verlassenseins zu nehmen. Jacob van der Hoeden und seine Kinder überleben und emigrieren nach Ende des Krieges nach Israel, wo Lieneke, inzwischen über siebzig Jahre alt, noch heute lebt.

Die Hefte

Buchcover: Lienekes Hefte [Quelle: Verlag Jacob & Stuart]
Buchcover: Lienekes Hefte [Quelle: Verlag Jacob & Stuart]

In diesen wunderschön illustrierten Briefen erzählt der Tierarzt Jacob van der Hoeden fröhlich, leicht und hoffnungsfroh von den Dingen des Alltags, berichtet - verschlüsselt - über die Neuigkeiten der Familie und nimmt Anteil am Tun und Werden seiner Tochter. Einen Tag lang darf Lieneke jedes Mal das Heft behalten, es ansehen, um es zu streichen, zu riechen, Danach muss sie es abgeben. Denn das gefährliche Dokument soll sofort vernichtet, verbrannt werden. Doch die Adoptiveltern behalten die wunderschönen Hefte.

Nach dem Krieg bekommt Lieneke die Heftchen wieder. Sie schenkt sie dem Kindermuseum Yad LaYeled in Israel. Hier entdeckt sie die französische Schriftstellerin Agnès Desarthe . Sie erzählt in einem zehnten Heft die Geschichte, die sich dahinter verbirgt, aus dem Blickwinkel der kleinen Lieneke.
So sind die kleinen Hefte im Schmuckschuber nicht nur ein wunderbares, anrührendes Dokument des Widerstands, voller Poesie und väterlicher Zärtlichkeit, sondern auch ein geeignetes Mittel, um kleinen Kindern die Geschichte der Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg altersgerecht nahe zu bringen.

Die Herausgeberin

Agnès Desarthe [Quelle: Céline Nieszawer]
Agnès Desarthe [Quelle: Céline Nieszawer]

Agnès Desarthe, geboren 1966 in Paris, studierte englische und französische Literatur. Mit 22 Jahren veröffentlichte sie ihren ersten Roman für Erwachsene. Darauf folgten mehrere Kinder- und Jugendromane. Sie lebt mit ihrer Familie in Paris und arbeitet als Englischlehrerin und Übersetzerin, sie schreibt Kinder- und Erwachsenenliteratur sowie Theaterstücke. Während eines Seminars in einem Kibbuz in Israel stieß sie auf Lienekes Hefte und beschloss, ein Buch daraus zu machen.

Der Übersetzer

Edmund Jacoby [Quelle: Christian von Zittwitz]
Edmund Jacoby [Quelle: Christian von Zittwitz]

Edmund Jacoby wurde 1948 geboren. Nach einem Studium der Philosophie und der Geschichte in Tübingen, Paris und Frankfurt am Main hat er bei Iring Fetscher promoviert. Seine Dissertation hatte zum Thema "Wissen und Reichtum. Zum Verhältnis universaler und partikularer Vergesellschaftung". Jacoby war zunächst Lehrbeauftragter an der Frankfurter Universität, wechselte dann in eine Position als Verlagslektor und wurde schließlich Verlagsleiter des Gerstenberg-Verlages.

In dem von ihm von 1996 bis August 2007 geleiteten Verlag sind zahlreiche Bücher von ihm erschienen. Sein besonderes Interesse lag auf Buchproduktionen in den Feldern Philosophie und Mythologie. Dazu gehörte der Bestseller "50 Klassiker Philosophen". Jacoby war tätig als Übersetzer aus dem Englischen und Französischen, war Herausgeber vieler Anthologien und Nacherzähler zahlreicher Mythen und Sagen.

Gemeinsam mit seiner Frau Nicola Stuart gründete er im Frühjahr 2008 das in Berlin-Prenzlauer Berg ansässige Verlagshaus 'Jacoby & Stuart'. Gemeinsam mit dem französischen Verlagshaus "La Martinière" als Minderheitsgesellschafter will Jacoby nahtlos an Schwerpunkte seines vorherigen Verlagsprogramms anknüpfen.

Jacoby ist verheiratet und lebt in Berlin.

Informationen zum Buch

Jacob van der Hoeden
Herausgegeben von Agnès Desarthe
"Lienekes Hefte"
Aus dem Niederländischen von Edmund Jacoby
10 Hefte im Schmuckschuber, 9 cm x 14 cm, € 19,95
ab 7 Jahren und für jedes Alter
Verlag Jacoby & Stuart

Weitere Informationen:

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