Livestream

Bremen Zwei Rubriken Kino-Premieren

Kino-Tipp

Sorry we missed you

30. Januar 2020

Der britische Regisseur Ken Loach ist bekannt für seine sozial-realistischen Filme. In "Sorry we missed you" erzählt Loach von Menschen auf dem Arbeitsmarkt, die schuften, aber sich trotzdem auf einem unaufhaltsamen Weg in die Armut befinden.

Der britische Regisseur Ken Loach ist bekannt für seine sozial-realistischen Filme. In "Sorry we missed you" erzählt Loach von Menschen auf dem Arbeitsmarkt, die schuften, aber sich trotzdem auf einem unaufhaltsamen Weg in die Armut befinden.

Autor/-in: Jürgen Francke
Länge: 3:55 Minuten
Datum: Donnerstag, 30. Januar 2020
Sendereihe: Bremen Zwei | Bremen Zwei

Die Kinoleinwand ist noch völlig schwarz, da hören wir bereits die Stimme von Ricky, einem arbeitslosen Familienvater in Newcastle im Norden Englands. Er zählt seine Arbeitserfahrungen auf, von zahlreichen Handwerken, Fabrikbeschäftigungen und Dienstleistungen bis hin zur Tätigkeit des Totengräbers. Dann sehen wir den verzweifelten Mann, wie er nach dem Einstellungsgespräch als Paketdienstfahrer vom Dienststellenleiter kurz und knapp in seinen neuen Job eingeführt wird.

Grausames Arbeitssystem

Genauso unvermittelt, wie "Sorry we missed you" beginnt, stürzt Regisseur Ken Loach seine Hauptfigur Ricky in ein unbarmherziges System der Paketkuriere. Ricky ist motiviert, will heraus aus seinen Schulden als vermeintlich unabhängiger Franchisenehmer. Zunächst muss seine Ehefrau Abby, eine freischaffende Altenpflegerin, ihr Auto verkaufen, damit sich Ricky auf Kredit einen Transporter leisten kann. Und dann beginnt die Mühle des Paketausfahrens. 14 Stunden am Tag inklusive Verkehrsstaus, eines immensen Zeitdrucks, viel zu vielen Auslieferungen und ungehobelten Paket-Empfängern.

"Sorry we missed you" steht auf dem Benachrichtigungszettel, wenn ein Empfänger nicht zuhause ist. Regisseur Loach und sein Drehbuchautor Paul Laverty entwerfen ein erschütterndes Bild der Lebens- und Arbeitsverhältnisse der britischen Unterschicht. Ehefrau Abby muss ihre oft hilflos wartenden Patienten mit dem öffentlichen Bus aufsuchen. Die erst elf-jährige Tochter bemüht sich vergeblich, den Haushalt und das Familienleben aufrecht zu erhalten, während ihr pubertierender Bruder orientierungslos in die Kleinkriminalität abdriftet.

Mitreissendes Sozialdrama

Ken Loach greift – in gewohnt drastischer Art – diesmal das neoliberale Ausbeutungssystem der ganz und gar unfreien Kleinstunternehmer an. Die mit Knebelverträgen bis an ihre Leistungsgrenzen und darüber hinaus belasteten Rick und Abby, stellvertretend für so viele ökonomisch Schwache im Vereinigten Königreich, sehen einer suggerierten besseren Zukunft entgegen, die keine ist. Die Menschlichkeit bleibt dabei auf der Strecke, das soziale Miteinander stirbt, übrig bleiben Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit.

Heulen möchte man auch im Kinosessel bei soviel Mut und Zuversicht von Rick, Abby und den Kindern zu Beginn und den zunehmend brutalen Überlebensverhältnissen im Verlauf des Geschehens. "Sorry we missed you" hört auf, wie er begann: urplötzlich, ohne ein richtungsweisendes Ende. Das wird diesem großartig gespielten, mitreißenden und glaubwürdig inszenierten Film allerdings nur gerecht. Er ist zum Niederknien.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 30. Januar 2020, 11:40 Uhr

Kino-Premieren