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Kino-Tipp

Die Wütenden – Les Misérables

23. Januar 2020

Soziale Ungerechtigkeit, Armut und Wut – eine Milieustudie von Ladj Ly über das Pariser Viertel Montfermeil, in dem Bandenkriminalität und Gewalt zu harten Auseinandersetzungen mit der Polizei führen. Jürgen Francke stellt den Film vor.

Soziale Ungerechtigkeit, Armut und Wut - eine Milieustudie von Ladj Ly über das Pariser Viertel Montfermeil, in dem Bandenkriminalität und Gewalt zu harten Auseinandersetzungen mit der Polizei führen.

Autor/-in: Jürgen Francke
Länge: 3:42 Minuten
Datum: Donnerstag, 23. Januar 2020
Sendereihe: Bremen Zwei | Bremen Zwei

Polizist im sozialen Brennpunkt

Zu Beginn des Films sind alle Franzosen glücklich. Gerade ist die französische Fußballnationalmannschaft im heißen Sommer 2018 Weltmeister geworden, und auch die Jugendlichen aus dem Pariser Trabantenvorort Montfermeil feiern ausgelassen auf den Champs-Élysées. Der Polizist Stéphan dagegen ist irritiert. Er ist neu bei der dreiköpfigen Eingreiftruppe im Dschungel der schmucklosen Plattenbauten, des Mülls und der vielen verschiedenen Ethnien Montfermeils. Seine Vorgesetzte stellt Stéphan den sozialen Brennpunkt und auch die neuen Kollegen vor.

Die ersten 40 Minuten von "Die Wütenden" sind quasi-dokumentarisch inszeniert und spielen sich häufig im Auto der drei Beamten ab. Denn den Wagen zu verlassen, ist nicht ganz ungefährlich. "Die Wütenden", das sind die Kids da draußen auf der Straße. Und die haben auch keine Angst vor Polizisten, die sich aggressiv und diskriminierend verhalten.

Authentische Milieuschilderung

Regisseur Ladj Ly kennt sich aus in Montfermeil. Er ist in dieser Mischung aus diversen Kulturen, der Ablehnung von Rechtsstaatlichkeit, Gewalt und Kriminalität aufgewachsen. Stéphan und seine beiden wenig zimperlichen Kollegen, der weiße Chris, der andere afrikanisch-stämmig, geraten immer wieder zwischen die Fronten von Arabern, Afrikanern, der örtlichen Muslimbruderschaft und der polizeifeindlichen Jugendlichen. Sie alle werden fast durchgängig von Laiendarstellern verkörpert.

Einen Erzählfaden entwickelt die detailreiche, authentische und spannende Milieuschilderung, als ausgerechnet ein Löwenbaby aus einem Wanderzirkus gestohlen wird. Die Polizisten versprechen, es innerhalb von 24 Stunden zurückzubringen. Als sie den jugendlichen Täter schnell finden, löst das ein unkontrollierbares Chaos aus.

Ein verstörend mitreißender Film

"Die Wütenden", im Original "Les Miserables" wie im Roman von Victor Hugo, wird dominiert von männlichem Protzgehabe, von internen Machtkämpfen und wechselnden Koalitionen im Kampf gegen die Staatsmacht. Die Sprache der Protagonisten ist hart, so wie der Umgang miteinander. Da kann auch der – sozusagen stellvertretend für das Kinopublikum – nach Orientierung suchende Polizist Stéphan nicht vermitteln. Auch wenn er versucht, zu schlichten. Dieses Banlieu- und Ghetto-Drama ist zu realitätsnah um einfache Lösungen eines komplexen Konflikts zu bieten.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 23. Januar 2020, 10:40 Uhr

Kino-Premieren