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Hörbuch-Tipp

Stern 111

8. Mai 2020

Sechs Jahre nach seinem großen Erfolg "Kruso" legt Lutz Seiler einen zweiten Roman vor: "Stern 111“, ein Wenderoman über einen jungen Mann und seine Familie, die nach dem Fall der Mauer getrennte Wege gehen. Der Held der Geschichte ist Dichter und kommt aus Gera – genau wie der Autor. Das Hörbuch hat Lutz Seiler selbst gelesen. Florian Bänsch hat reingehört.

Sechs Jahre nach seinem großen Erfolg „Kruso“ legt Lutz Seiler endlich einen zweiten Roman vor: „Stern 111“, ein Wenderoman über einen jungen Mann und seine Familie, die nach dem Fall der Mauer getrennte Wege gehen. Der Held der Geschichte ist, genau wie der Autor, Dichter. Und kommt, genau wie der Autor, aus Gera. Jetzt ist das Hörbuch erschienen.

Autor/-in: Florian Bänsch
Länge: 3:15 Minuten
Datum: Freitag, 8. Mai 2020
Sendereihe: Bremen Zwei | Bremen Zwei

Aufbruch

Ein Wenderoman, aber nicht romantisch, nicht Retro, nicht Ostalgie, sondern Verwirrung und Beton.

Unser Freund hier kommt nach Berlin. Mit einem Kofferraum voller Werkzeug. Er ist ein Reisender. Er reist durch die Welt. Er ist ein Arbeiter. Ein Mann aus der Arbeiterklasse. Und er ist Maurer von Beruf.

Lutz Seiler erzählt die Geschichte von Carl Bischoff. Carl hält die Stellung in Gera, als seine Eltern nach dem Mauerfall plötzlich aufbrechen, über die Grenze. Als Flüchtlinge in den Westen. Die Mauer ist offen, das macht das Land aber nicht auf magische Art und Weise warm und heil und ganz. "Stern 111" ist eine Reise durch Splitter.

Viele, die gingen, hatten irgendeine Adresse. Sie waren jung und hatten eine Adresse. Vielleicht waren sie nicht besonders willkommen, aber fürs Erste hatten sie ein Ziel. Einen Namen. Eine Straße. Stadtbahnhof oder Auffanglager. Er sah seine Eltern, Seite an Seite tauchten sie ein in diesen Irrtumsnebel, der immer dichter wurde.

In Berlin, ohne Plan

Carl verlässt Gera und geht nach Berlin, ohne Eltern, ohne Freunde. Anarchie, junge Leute ohne Plan, zerfallende Häuserfassaden. Die Echos dieser Zeit geistern noch heute durch die Stadt. Lutz Seiler fängt sie ein. Er liest die Hörbuchfassung selbst, und man hört, dass es ihm wichtig ist.

Die Welt erforderte Konzentration und Geduld. Sie war wackelig, anfällig, von fragwürdiger Beschaffenheit. Aber reparabel.

Carls Odyssee in einer Welt wenige Kilometer entfernt  vom "Westgeruch“. Mit dem russischen Shiguli homerisch durch die Geschichte, Häuser besetzen, Nachrichten hören, Gedichte schreiben. Autor Seiler wurde wie Carl in Gera geboren und war im Winter 1989 Saisonarbeiter in Berlin. Sein Roman ist ein Rückblick mit Sehnsucht und Ekel gleichermaßen.

Geistesabwesend streute Carl den Inhalt eines Düngertütchens in seinen Kaffee, und trank.

Freiheitsfantasien

Carl und seine Eltern wandeln durch postsowjetische Freiheitsfantasien. Und es war ja auch etwas dran an diesen. Fast alles, was Carl versucht, gelingt ihm. Die Frauen. Die Kunst. Bohemes Anarcho-Leben am Prenzlauer Berg. Die Eltern landen im Westen, alles ist gut, sie werden zu Abenteurern. Carl schreibt Briefe, lügt seinen Eltern ein seichtes Leben in Gera vor. Sein Berlin ist nicht schön, es ist kaputt, aber es ist eben seine Stadt. Oder wird zu seiner Stadt. Lutz Seiler klingt froh, dass es diese Zeit gegeben hat. Und froh, dass sie vorbei ist.

Fazit

Ostberlin im Winter 1989 als neblige Studie. Eine Zeit, in der niemand auch nur den Hauch einer Ahnung hatte, was als nächstes passiert. "Stern 111" ist ein kraftvoller Text, hypnotisch vorgelesen.

Hörbuch-Infos:
Lutz Seiler: Stern 111, Der Audio Verlag, Spieldauer: 18 Std. und 28 Min., 25 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 8. Mai 2020, 9:40 Uhr

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