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Hörbuch-Tipp

Manhattan Beach

25. September 2018

New York in den 30er und 40er Jahren: Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, die in Zeiten des Krieges Taucherin bei der Navy werden will. Ein Hörbuch-Tipp von Florian Bänsch.

Das Manhattan kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist voller Frauen und Gangster. Fast alle anderen Männer sind schließlich im Krieg. New York, eine Hafenstadt mit Ambitionen und einer Unterwelt ohne Boden. Sie dünstet nach Fisch, Salz und Benzin.

Eine brackige, industrielle Version der Meeresluft. So komplex und besonders, dass sie etwas von einer menschlichen Duftnote hatte. Dieser Geruch erinnerte sie an eine Vergangenheit, die schon fast vollständig verblasst war. Die Anzüge ihres Vaters hingen noch im Schrank, die Aufschläge adrett, die Schultern gebürstet, die bunten Krawatten durch Walbarten gestrafft.

Dexter, Eddie und Anna

Manhattan Beach ist ein oft vergessener Strand an der Südspitze Brooklyns. Heute: ein nobles Feriengebiet. Im Krieg übernommen von der Küstenwache, der Navy und Handelsmarine. Jennifer Egan schreibt über drei Menschen an diesem Ort. Dexter Styles, Nachtclub-Besitzer. Eddie Kerrigan, seine rechte Hand, spurlos verschwunden vor fünf Jahren. Und dann ist da Eddies Tochter, Anna.

Engel sind die schlimmsten Lügner“, sagte Nell verdrossen. Dann fragte sie: "Bist du ein Engel, Anna?" Anna nahm das Rascheln welken Laubes auf dem Bürgersteig, den Gardenienduft von Nells Parfüm wahr. Diese Frage hatte man ihr noch nie gestellt. Alle Welt hielt sie für die Tugend in Person.

Eintritt in Männerdomänen

Egan beschwört diesen rauchigen, öligen Hafen hervor. Und stellt eine junge Frau in seine Mitte, die Marinetaucherin werden will. Und das auch wird. Sie lässt die Trauer um den Vater hinter sich und setzt einen Fuß in die New Yorker Unterwelt. Und den anderen in einen Taucheranzug. Beides Männerdomänen.

Anna hatte an diesem Tag die Schwammkürbisfilter in den Öltrennern aller zehn Luftkompressoren gereinigt. Fast alle Aufgaben, die man ihr zuteilte, hatten etwas Häusliches. Sie flickte Tauchanzüge mit Gummikleber, rieb Klauenfett auf die Ledermanschetten der Helme, trennte Schläuche, die zu lange miteinander verbunden gewesen waren. Der Krieg war in noch weitere Ferne gerückt als in der Werkstatt.

Komplex und dicht

"Manhattan Beach“ ist eine komplexe, dicht gepackte Geschichte. 2004 begann Jennifer Egan die Recherche um die historische New Yorker Hafenbucht. Die nächsten fünf Jahre sprach sie mit Zeitzeugen, besuchte Schauplätze, schrieb mehrere Entwürfe, gab sie alle auf.

Er atmete unter Wasser. Sie malte sich aus, wie er auf dem Grund der Bucht aussah. Ging er oder schwamm er? Was gab es dort unten?

Annas Weg

Aber Annas Weg durch diese Welt ist keine Geschichte über eine starke Frau, die starke Dinge tut. Vielmehr muss sie ihre Weiblichkeit ablegen, um zu bestehen. Und mit dem Vater, Eddie, geht der Hörer auf Seefahrt unter alten Matrosen. Dexter Styles indes ist eine Stimme der Gewalt. „Manhattan Beach“ ist kein Hörbuch über Frauen, und kein Buch über Emanzipation. Es ist eher ein Buch über Männer.

Fazit

2009 wurde Jennifer Egan vom Veteranenverein der Armeetaucher eingeladen, einen historischen Taucheranzug anzulegen. "Ich kann ihnen sagen", steht im Vorwort zum Hörbuch, "das ist nicht angenehm". Dieses Hörbuch ist eine lange, lichtarme Reise auf dem Hafengrund eines lange vergessenen New Yorks. Dahinter stehen viele Jahre Recherche, und eine Besessenheit, die man in jedem Kapitel spürt. Ein großer Roman.

Infos:
Jennifer Egan: Manhattan Beach, Argon Verlag, 3 CDs, 15h20, 29,95 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 25. September 2018, 9:40 Uhr

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