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Buch-Tipp

Kinderwhore

30. September 2019

Norwegen ist in diesem Herbst das Gastland der Frankfurter Buchmesse. Unter den vielen neuen Romanen, die dafür erstmals ins Deutsche übersetzt wurden, fällt besonders einer auf: "Kinderwhore" – der Debütroman von Maria Kjos Fonn. Serafia Johansson hat ihn gelesen.

Cover: Maria Kjos Fonn, Kinderwhore. Roman, Culturbooks [Quelle: Culturbooks]
Maria Kjos Fonn, Kinderwhore. Roman, Culturbooks [Quelle: Culturbooks]

Maria Kjos Fonn: Kinderwhore [4:23 Minuten]

Grunge-Fans werden mit dem Begriff "Kinderwhore" etwas anfangen können. Es ist der Kleidungsstil der Grunge-Musikerin Courtney Love, also stark geschminkt, mit viel Kajal, knallroten Lippen und dazu ein Kleidchen, wie sie eigentlich kleine Kinder tragen, und Kniestrümpfe und Schühchen. Genau dieser Look spielt mit den Kontrasten zwischen unschuldigem Kind und sexueller Frau.

Charlotte

Charlotte ist am Anfang des Romans zehn Jahre alt. Sie wohnt zusammen mit ihrer alleinerziehenden Mutter, die depressiv und süchtig ist. Süchtig vor allem nach Schlaftabletten, weswegen sie eigentlich immer nur im Bett liegt. Nachts geht sie auf Männerfang oder sie leidet, weil sie mal wieder von einem Typen sitzengelassen worden ist. Die Mutter ist auch das modische Vorbild, sie kleidet sich im Courtney-Love-Look.

Und dann hat die Mutter mal wieder einen Liebhaber – und der schläft nachts aber lieber bei Tochter Charlotte. Er missbraucht sie jede Nacht. Charlotte beginnt sich zu entfremden, von ihrem Leben und ihrer Kindheit und beginnt, sich selbst zu zerstören.

Intensiv

Der Roman ist aus der Ich-Perspektive geschrieben. Wir sind also sehr nah an der Gefühlswelt von Charlotte, erleben alles mit. Am Anfang sind es ganz kurze Texte, die collagenartig ein erstes Bild zusammensetzen. Mit der Missbrauchsgeschichte wird es ausführlicher: Diese Erzählweise entfaltet eine riesige Kraft, einen Sog, der tief in die Gefühls- und Denkwelt der Protagonistin führt. Wir erleben das Trauma immer wieder, weil Charlotte anfängt, sich allen möglichen Männer und Jungs anzubieten, aus dem Gedanken heraus, dann wenigstens die Kontrolle zu haben. Und irgendwann ist sie erwachsen. Aber der Schmerz vergeht nicht, sondern er wiederholt sich, bis ihr Körper immer mehr aufgibt.

Ich konnte noch immer nicht schlafen, nicht essen. Eine Woche verging, und ich wurde dünn wie ein Kind oder wie ein Junkie, das bisschen, was ich an Brüsten und Hüfte gehabt hatte, verschwand. Ich war dauernd in kalten Schweiß gebadet und trug Wollstrumpfhosen und Pullover und fror trotzdem. Ich konnte mich nicht schminken, weil meine Hände zu sehr zitterten, Lidstrich und Lippenstift verschmierten ganz einfach. Was sollte ich tun – ohne Schminke herumlaufen und alle mein Gesicht sehen lassen oder aussehen wie ein von einer Dreijährigen vollgeschmiertes Malbuch?

Leseempfehlung unserer Rezensentin

Es ist ein großartiges Buch mit extrem viel Kraft, aber nichts für schwache Nerven. Es ist großartig, weil es wirklich in diese Welt des Traumes einführt, weil man versteht, warum Charlotte so scheinbar irrational handelt, warum sie sich und die Welt um sie herum verletzt und warum das alles so furchtbar ist. Das Buch ist stilistisch toll geschrieben. Für mich ist Maria Kjos Fonn wirklich eine Entdeckung.

Infos:
Maria Kjos Fonn: Kinderwhore, Culturbooks, 20 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 30. September 2019, 14:40 Uhr

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