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Hörbuch-Tipp

Nach der Flut das Feuer

11. Juni 2019

James Baldwins erste Schreibversuche in den USA blieben erfolglos. Er, der Schwarze aus New Yorks Stadtteil Harlem, hielt den Rassismus bald nicht mehr aus, der ihm die nötige Ruhe fürs Schreiben nahm. Er ging ins französische Exil und wurde dort zum international gefeierten Autor. Als er 1963 seinen Essayband "The Fire next Time“ veröffentlichte, ein Buch mit einer gewaltigen Wirkung, war er wieder zurück in den USA. Jetzt gibt es das Werk, in deutscher Neuübersetzung, als Hörbuch. Tobias Wenzel stellt es vor.

Cover: Nach der Flut das Feuer [Quelle: Argon Verlag]
James Baldwin: Nach der Flut das Feuer, Argon Verlag, 2019 [Quelle: Argon Verlag]

"Ich weiß, wie düster es heute für dich aussieht“, schreibt der US-amerikanische Schriftsteller James Baldwin in dem Brief an seinen Neffen, mit dem er sein essayistisches Buch "Nach der Flut das Feuer“ von 1963 beginnen lässt:

Du wurdest geboren, wo Du geboren wurdest, mit Zukunftsaussichten, die Deine Aussichten waren, weil Du schwarz bist – aus keinem anderen Grund.

Nach nur wenigen Zeilen ist klar: "Nach der Flut das Feuer“, dieser sprachmächtige Text über den Rassismus in den USA und der Welt, ist heute, über ein halbes Jahrhundert nach seinem Erscheinen, wieder hochaktuell. Es ist deshalb ein doppelter Glücksfall, dass DTV auch diesen Essayband in vorzüglicher Neuübersetzung durch Miriam Mandelkow und dass Parlando das Hörbuch in der bestechenden Interpretation von Christian Brückner veröffentlicht hat.

Erweckungserlebnis in einer Kirche

Mit zehn wurde James Baldwin, dessen Stiefvater ein fundamentalistischer Prediger war, zum ersten Mal von der Polizei wegen seiner Hautfarbe drangsaliert. In "Vor dem Kreuz. Briefe aus einer Landschaft meines Geistes", dem zentralen Text des Buchs, erinnert sich Baldwin wie schon zuvor in seinem autobiografischen Debütroman "Go tell it on the Mountain" daran, wie er sich mit 14 davor fürchtete, kriminell zu werden, und in einer Kirche in Harlem in einem Erweckungserlebnis vor dem Altar zusammenbrach, woraufhin er drei Jahre lang Jugendprediger war:

Wenn man an der Liebe der Menschen verzweifelt – und wer ist das nicht schon mal? –, bleibt nur die Liebe Gottes. Aber Gott – und das spürte ich sogar damals, vor so langer Zeit, widerwillig auf diesem fürchterlichen Boden – ist weiß.

Anders konnte sich James Baldwin Rassismus und den Holocaust nicht erklären. Der gütige Gott sei dagegen schwarz, verkündete Elijah Muhammad mit seiner US-amerikanischen Black-Muslim-Organisation. Die These zog Baldwin einerseits an.

Vom Jugendprediger zum Schriftsteller

Andererseits war er, als es Anfang der 1960er Jahre zu einem Treffen mit Muhammad in Chicago kam, schon lange kein Prediger mehr, sondern ein international renommierter Schriftsteller und ein scharfsinniger Analytiker, dem die fanatischen Auswüchse in Muhammads Organisation nicht entgehen konnten:

Elijah und ich gaben uns die Hand, und er fragte mich, wo ich jetzt hinmüsse. Wo auch immer, man würde mich hinfahren – ‚denn wenn wir jemanden hierher einladen‘, sagte er, ‚sorgen wir dafür, dass er vor den weißen Teufeln sicher ist, bis er an seinem Ziel ankommt‘. Genau genommen war ich mit einigen weißen Teufeln am anderen Ende der Stadt auf einen Drink verabredet.

Alle Weißen verteufeln – so einfach machte es sich James Baldwin nicht. Dafür war er viel zu sehr Humanist und sein Denken viel zu differenziert. Großartig, wie treffend Christian Brückner mit seiner Stimme diese Vielschichtigkeit genauso transportiert wie Baldwins Schwanken zwischen Wut und Zuversicht.

Blick auf Rassismus

Selbst beim Blick auf die bedrückende Geschichte des Rassismus vermochte Baldwin noch etwas Positives zu entdecken:

Diese Vergangenheit, dieser endlose Kampf, eine menschliche Identität, menschliche Autorität zu erlangen, zu offenbaren und zu bestätigen, birgt dennoch etwas Wunderschönes. Ich will Leiden nicht romantisieren – genug ist schließlich genug –, aber wer nicht leiden kann, wird nicht erwachsen, wird nicht herausfinden, wer er ist.

Fazit

"Nach der Flut das Feuer" ist eine fulminante Warnung in Form eines Essays, der damals die US-amerikanische Gesellschaft ins Mark traf und zu dessen Lektüre man heute nicht nur Donald Trump verpflichten möchte.

Infos:
James Baldwin: "Nach der Flut das Feuer", übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow, gelesen von Christian Brückner, Parlando Verlag. 3 CDs, 2 Stunden 54 Minuten, 19,95 Euro Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 11. Juni 2019, 9:40 Uhr

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