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Die Morgenandacht

Ruhezeit

16. Juni 2019, 10:20 Uhr

Was haben die Pille, der Tatort und die Feiertage gemeinsam: Sie strukturieren die Wochen des Jahres. Pastorin Esther Joas erzählt, warum sie solche Rituale wichtig findet.

Welcher Tag heute ist, weiß ich, wenn ich morgens die Pille genommen habe. Sonntag also.
Die Tage verschwimmen und sind sich alle so ähnlich.
Wenigstens an 21 Tagen im Monat gibt mir die Pille einen Rahmen.
Zeiten strukturieren unser Leben und geben ihm irgendwie auch einen Sinn.

Aber wenn kein Tag mehr besonders ist, woran mache ich dann die Wochentage fest? Klar, viele haben eine Arbeit von Montag bis Freitag und am Wochenende frei. Das hilft schon mal. Aber wenn das Wochenende nur bedeutet, den Schlabberlook vom Feierabend zu verlängern, dann verschwimmt doch wieder alles.

Als Kind war Sonntag für mich etwas Besonderes. Es gab ein tolles Frühstück, wir haben uns schöner angezogen als sonst, manchmal gingen wir in die Kirche. Ich erinnere mich an Restaurantbesuche und Ausflüge mit der Familie. Ja, das sind bürgerliche Traditionen und es kann auch ganz anders sein.

In Jerusalem am Sabbat zum Beispiel. Das ist unglaublich! Es herrscht eine unheimliche Ruhe. Niemand arbeitet. Auch nicht im Haushalt. Am Abend zuvor wird in den Synagogen Kabbalat Schabbat gefeiert und der Ruhetag eingeläutet. Alle Erledigungen hat man zuvor schon getätigt. Welcher Tag heute ist, richtet sich in Israel am Schabbat aus. Man hat also eine Zeitachse, die feststeht. Ich glaube, das hilft einem, die Tage zu strukturieren und innere Festigkeit zu spüren.

Tatort wäre bei uns so etwas. Bei einem Traugespräch erzählte mir einmal der Bräutigam, er habe immer einen kleinen Streit mit seiner Frau. Für ihn bedeute Tatort das viel zu frühe Ende vom Wochenende, woran er nicht erinnert werden möchte. Für sie war es der geliebte Ausklang der Woche.

Aber die Wochen verschwimmen in den Monaten und Jahren. Klar, in Europa, jenseits des tropischen Klimas, gibt es Jahreszeiten. Das hilft der Orientierung. Im Winter Schlittenfahren, im Sommer Baden. Oder naja. Schlittenfahren, Schnee ... – das war einmal. Die Werbeindustrie gibt mit Ostereiern, Nikoläusen, Weihnachtsmärkten und Herzen am Valentinstag eine Abfolge von Festen vor.

Das Kirchenjahr mit seinen Sonntagen und Feiertagen ist dagegen wie eine längst vergessene Landkarte. Dabei zeichnet sie nicht nur das Leben Jesu im Jahreszyklus nach, sondern auch unser aller Leben. Von Schwangerschaft und freudiger Geburt, von Lebensaufgaben und tiefen Krisen, von Tod und der Hoffnung auf ewiges Leben. Immer wieder Erinnerung und Rückbesinnung und Neuanfänge.

Die Woche ist im christlichen Kalender strukturiert durch Arbeit und einen Ruhetag. Weil der Mensch das braucht. Am Sonntag feiern wir das Menschsein, wir erinnern an unsere Würde, an unser Geschaffensein, an unseren Auftrag in der Welt. Und dann starten wir in eine neue Woche. Montag ist dann der Tag nach diesem besonderen Tag, nach Sonntag.

Dieser Gedanke gibt mir mehr als die Wochentafeln auf meiner Pillenpackung.

Ruhetag [3:18 Minuten]

Autorin: Esther Joas, Pastorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 16. Juni 2019, 10:20 Uhr

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