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Die Morgenandacht

Russland

10. August 2020, 5:53 Uhr

Kirche und Glaube sind in Russland salonfähig geworden. Menschen finden Hoffnung und Trost im Glauben. Der Regierung dient es aber auch als Trostpflaster für verzweifelte Leben. Eine Gratwanderung für die Kirchen.

Pastor Volker Keller [Quelle: Bremische Evangelische Kirche]
Pastor Volker Keller [Quelle: Bremische Evangelische Kirche]

Die Gläubigen  küssen die Auferstehungsikone. Jesus steigt auf dem Bild aus dem Grab, er leuchtet hell. Der Auferstandene zieht  Aufmerksamkeit auf sich.  Drei Stunden lang feiern  die Besucher mit  Patriarch Kyrill 1. die Sonntagsmesse in der Christ-Erlöser-Kathedrale, der russischen Hauptkirche in Moskau. 

Kirche ist wieder erlaubt in Russland—und im Volk beliebt. Selbst Präsident  Wladimir Putin bekreuzigt sich  Heilig Abend vor Jesus, dem Sohn Gottes. Er ist ein großer Förderer der russischen Kirche. In  der kommunistischen Sowjetunion ließ ihn seine Mutter heimlich taufen. Ein Bekenntnis zum Glauben wäre von den religionsfeindlichen Behörden bestraft worden.

Wie ernst auch immer dieser demonstrierte Glaube sein mag. Die Kirche ist nicht zuletzt dadurch in Russland wieder salonfähíg geworden.

Diktator Stalin ließ 1931 die  Christ-Erlöser-Kathedrale sprengen, an ihrer Stelle an der Moskva sollte der monumentale „Palast der Sowjets“ entstehen—damals geplant als das höchste Gebäude der Welt mit einer  100 Meter hohen Statue von Lenin, dem Revolutionär und Gründer des Staates, auf der Spitze. Der zweite Weltkrieg verhinderte den Bau,  1958  eröffnete die Stadtregierung dort stattdessen das größte beheizte Freibad der Welt.  Der Staat versuchte alles, den Bürgern ihren Glauben an Gott und  Jesus auszutreiben.

Ludmilla aus Uglitsch erzählte mir, dass sie aus Angst nicht in die Kirche ging.  Nun aber gehe sie wieder beten—der Wind hat sich gedreht. Ihre Demetrioskirche ist frisch renoviert, das freut sie. Der Glaube gibt ihr Halt in ihrem schweren Leben. Ihr Ehemann wurde in Sibirien schwer krank, sie verkaufte  ihre Eigentumswohnung, um  eine Operation finanzieren zu können.  Ihr Mann   starb dabei. Nun lebt sie allein in Uglitsch in einer Kommunalka, einer schäbigen staatlichen Wohnung und teilt sich mit 16 anderen Parteien die Küche —mit Drogenabhängigen, Alkoholikern und ehemaligen  Strafgefangenen, vor denen sie sich fürchtet. „Das ist die Hölle“, sagt sie, kann sich aber wegen ihrer kleinen Rente keine bessere Wohnung leisten. Und Putin hat nun auch noch die Renten kürzen lassen.  Was bleibt ihr noch, als Gott  täglich um Kraft und Beistand zu bitten.

Das Leben vieler Russen ist heute schwer. Nicht wenige ertränken ihre  Verzweiflung im Dauerrausch.

Das mag der Grund der Staatsführung sein, Kirche wieder zuzulassen. Die Menschen brauchen seelische Aufrichtung. Die Russen besuchen nicht alle die  Messe, aber viele gehen zwischendurch regelmäßig in die Kirchen, bekreuzigen sich, zünden Kerzen an, küssen die Ikonen, die Heiligenbilder, führen ein kurzes seelsorgerliches Gespräch mit dem Priester  und lassen sich segnen. Kirche ist für sie die vertrauenswürdigste Institution im Land und schenkt ihnen Trost und Hoffnung. Vertröstet sie vielleicht auch.

Es macht aber einen großen Unterschied, sich vor Gott zu verneigen  oder vor einem Diktator. Demut vor Gott macht dem Menschen klar, wer er ist—nur ein Mensch. So wenig und doch so viel

Russland [3:26 Minuten]

Autor: Volker Keller, Pastor

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 10. August 2020, 05:53 Uhr

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