Livestream

Bremen Zwei Rubriken Der Kommentar

Der Kommentar

Populismus im Sommerloch

Ein Kommentar von Peter Zudeick

5. August 2019

Der eine will bildungsferne Kinder von Bildung fern halten, der andere attestiert Migranten per se ein höheres Gewaltpotential und der dritte behauptet, "wenn der Afrikaner als solcher mehr Kraftwerke hätte, würde er aufhören, Bäume zu fällen und, wenn's dunkel ist, Kinder zu produzieren." Was tun mit so viel Sommerloch-Populismus? Bremen-Zwei-Kolumnist Peter Zudeick hat sich fürs Kommentieren entschieden.

Ein Mann hält sich die Ohren zu  [Quelle: Imago, Revierfoto]
Bei manchen Sprüchen möchte man sich die Ohren zu halten. Auch Schalkes Aufsichtsratchef Clemens Tönnies. [Quelle: Imago, Revierfoto]

Ach, wir würden ja so gerne – und können es doch nicht. So gerne würden wir sagen: Lass sie doch reden, diese eitlen und/oder dumm-dreisten Schwätzer. Wir müssen ihren Unsinn nicht auch noch verbreiten oder kommentieren oder glossieren. Ja, früher, als es noch ein politisches Sommerloch gab und Politiker gerne mal mit Forderungen wie Pizzasteuer, Sonnencreme auf Krankenschein oder Mallorca kaufen und zum 17. Bundesland machen rattenscharfe Schlagzeilen machten, da konnte man sich ein paar Tage über derartigen Dünnpfiff lustig machen. Man konnte es aber auch lassen und den Dünnpfiff wie üblich der Boulevardpresse überlassen. Das geht heute nicht mehr.

Flächendeckende Boulevardisierung

Die flächendeckende Boulevardisierung im und durch das Internet hat es uns – also den um Seriosität bemühten Journalisten – nahezu unmöglich gemacht, auf bestimmte Themen einfach zu verzichten. Was geht mich die Meinung des Aufsichtsratschefs eines relativ erfolglosen Bundesligaklubs zum Klimawandel an? Was die alte Leier des bayerischen Innenministers, dass er nichts gegen Migranten hat, sie aber grundsätzlich für gefährlich hält? Und was das Gestammel eines CDU-Mittelstandspolitikers über Deutschkenntnisse in Grundschulen? Es reicht, die Äußerungen einmal zu lesen, um sie dann in den Müll zu werfen.

Außerdem funktioniert das Internet in diesen Fällen ja ganz gut als Korrektiv: Die Debatten in allen drei Fällen sind recht munter, allerlei Meinungen kommen zu Wort, jeder darf mal ran – und das sollte dann auch genügen. Geht aber nicht, weil gerade das große Interesse in den Medien, die aus einem unerfindlichen Grund "sozial" genannt werden, ein Thema geradezu zwingend zu einem im engeren Sinn journalistischen macht.

Analysieren, einordnen, bewerten

Also was tun? Ganz altmodisch das, was unser Job ist: Analysieren, einordnen, bewerten. Also der Herr Herrmann könnte zum Beispiel wissen, dass Migranten keineswegs gewalttätiger sind als andere Menschen. Es ist vielmehr so: Die männlichen 14 bis 30jährigen sind bei Sexual- und Gewaltdelikten deutlich überrepräsentiert. In jedem Land der Welt. Und ausgerechnet diese Gruppe ist die bei weitem stärkste unter den Migranten. Das ist das Problem. Weiß Herr Herrmann das nicht oder wollte er einfach mal wieder mehr haben als eine Schlagzeile in der "Passauer Neuen Presse"?

Und weiß Carsten Linnemann wirklich nicht, dass Sprachförderung auf vielen Ebenen nötig ist: Vor der Einschulung, neben der Schule, aber auch in der Schule. Wer darauf verzichten, wer junge Migranten von der Schule aussperren wollte, würde genau das Gegenteil von Integration erreichen. Muss man das einem führenden CDU-Politiker wirklich noch sagen?

Der eine will bildungsferne Kinder von Bildung fern halten, der andere attestiert Migranten per se ein höheres Gewaltpotential und der dritte behauptet, "wenn der Afrikaner als solcher mehr Kraftwerke hätte, würde er aufhören, Bäume zu fällen und, wenn's dunkel ist, Kinder zu produzieren." Dem Journalisten schwillt der Hals – aber wie verhält man sich richtig, ohne über jedes Stöckchen zu springen? Argumentieren, ignorieren, glossieren? Peter Zudeick hat sich für’s kommentieren entschieden.

Autor/-in: Peter Zudeick
Länge: 3:17 Minuten
Datum: Mittwoch, 7. August 2019
Sendereihe: Bremen Zwei | Bremen Zwei

Bei Herrn Tönnies allerdings fehlen mir beinahe die Worte. Vermutlich wollte der einen Witz machen, als er meinte, "der Afrikaner“ sollte als Beitrag zum Kampf gegen den Klimawandel keine Bäume mehr fällen und weniger Kinder produzieren. Da weht ein alter Ton herüber, ein Kasinoton aus dem wilhelminischen Reich, der aber auch in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts bei Bier, Wein und Schnaps noch mächtig angesagt war.

Offensichtlich ist die zivilisatorische Schicht, die sich über die naturwüchsige Barbarei gelegt hat, arg dünn, so dass das Barbarische bei manchen immer mal wieder durchbricht. Vielleicht ist der Herr Tönnies ja einer der Letzten dieser Sorte. Wenn nicht, dann geht er mich leider doch etwas an.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 7. August 2019, 7:20 Uhr

Der Kommentar
Mehr zur Beitragsreihe "Der Kommentar"