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"Mitgefühl statt Hass"

Ein Kommentar von Barbara Witte

31. Juli 2019

Der tödliche Angriff auf den kleinen Jungen in Frankfurt hat in den sozialen Medien heftige Debatten ausgelöst. Insbesondere ein Tweet von AfD-Fraktionschefin Alice Weidel sorgte für viel Zustimmung, aber auch für heftige Kritik. Weidel machte die "grenzenlose Willkommenskultur" für den Vorfall verantwortlich. Viele Accounts verbreiteten hasserfüllte Postings auf Facebook, Twitter und Co. Geredet wird also über die Herkunft des Täters – nicht über das Leiden der Opfer. Ein Kommentar von Barbara Witte.

Menschen stehen vor einerGedenkstätte mit Blumen im Frankfurter Bahnhof [Quelle: Imago, Ralph Peters]
Menschen am Frankfurter Hauptbahnhof trauern um den kleinen Jungen. [Quelle: Imago, Ralph Peters]

Kommentar: Mitgefühl statt Hetze [1:50 Minuten]

Wir reden hier über die Symbolpolitik der Symbolpolitik der Symbolpolitik. Das ist wirklich schlimm. Das darf eigentlich nicht wahr sein. Da wird ein Achtjähriger umgebracht und die Diskussion in den sogenannten sozialen Medien und in den Kommentarspalten auf den Onlineseiten dreht sich um die Herkunft des Täters.

Mitgefühl und Stille

Hätten wir nicht wenigstens kurz bei den Opfern bleiben können? In Demut und Mitgefühl? Acht Jahre, länger durfte der kleine Junge nicht leben. Das allein ist schon ganz grauenhaft. Durch die unangebrachten Diskussionen im Netz ist die Mutter nun gleich mehrfach Opfer. Mitgefühl und Stille.

Zivilisatorischer Lack sehr dünn

Aber das schaffen wir nicht. Wir sind eben doch noch nicht so lange zivilisiert. Und wie immer in solchen Momenten, ist der zivilisatorische Lack sehr dünn. Der Ruf nach Vergeltung ist da eine Antwort. Und greift Raum, indem nun nach Abschiebung, härteren Strafen und Sippenhaft geschrien wird. Das nützt nur nichts. Der Schrei nach Vergeltung nützt den Opfern gar nichts. Nicht dem kleinen Jungen, nicht seinen Eltern.

Diskussion einfach nur widerlich

Dabei könnte ich den Ruf nach Rache von den Opfern sogar verstehen. Aber die Diskussion um die Herkunft der Täter, um die Frage, ob die Herkunft in den Medien genannt werden muss, ist noch nicht einmal das. Diese Diskussion ist eigentlich einfach nur widerlich. Weil sie die Opfer noch einmal zu Opfern macht.  Weil sie einen toten Jungen nutzt, um die eigene politische Agenda zu pushen. Das ist übel, nichts anderes. Medien müssen da nicht mitmachen. Auch nicht, wenn die Meute Staatsfunk und Lügenpresse schreit. Das muss man aushalten können. Wenn die Herkunft keinen Zusammenhang mit der Tat hat, wird sie nicht genannt. Das ist ordentlicher Journalismus. Punkt.

Ansonsten gilt hier: Demut und Mitgefühl. Und nur darum geht es.

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Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 31. Juli 2019, 08:10 Uhr

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