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Fridays for Future

"Seid realistisch – fordert das Unmögliche!"

Ein Kommentar von Florian Schwinn

5. Januar 2019

Sie sind viele, sie sind schnell und sie sind effektiv: Bereits im Jahr nach ihren ersten Demonstrationen in Deutschland traf sich die Bewegung "Fridays for Future" zu ihrem ersten nationalen Strategiekongress. Und auf internationaler Ebene geht es weiter. Zum ersten europäischen Kongress von "Fridays for Future" wird Greta Thunberg in Genf erwartet. Der Ort dürfte mit Bedacht gewählt sein, denn dort tagt derzeit auch der Weltklimarat IPCC. Ein Kommentar zum "Fridays for Future"-Sommerkongress von Florian Schwinn.

Demonstranten von Fridays for Future protestieren vor der Deutschen Bank. Mit einer Demonstration haben die Teilnehmer des Fridays-for-Future-Sommerkongresses in Dortmund ihren Protest in die Innenstadt getragen. [Quelle: DPA, Marius Becker]
Mit einer Demonstration haben die Teilnehmer des Fridays-for-Future-Sommerkongresses in Dortmund ihren Protest in die Innenstadt getragen. [Quelle: DPA, Marius Becker]

Effektiver als alteingesessenen Umweltorganisationen

Die Klimaforscher und die neue Jugendbewegung "Fridays for Future" haben sich längst gegenseitig als Verbündete im Kampf um die Zukunft erkannt. Entsprechend tagen Weltklimarat und die europäische "Fridays for Future"-Bewegung jetzt parallel in Genf. Entsprechend hatten die Organisatorinnen des deutschen Sommerkongresses von "Fridays for Future" auch Wissenschaftler als Referenten eingeladen. Das Zeltlager in Dortmund war dann auch weniger ein Happening als vielmehr eine Lehr- und Lernveranstaltung. In vielen Workshops ging es um die physikalischen, biologischen und sozialen Auswirkungen des Klimawandels, aber auch um Verbündete der jungen Bewegung und ihre Organisations- und Aktionsformen. Bislang ist "Fridays for Future" noch nicht einmal ein eingetragener Verein. Dafür aber im selbst gewählten Politikfeld schon effektiver als die alteingesessenen Umweltorganisationen.

"Fridays for Future" hat sich unübersehbar gemacht

Inzwischen sind auch die herablassenden Bemerkungen älterer Herren seltener geworden. Selbst FDP-Chef Lindner würde den Kids heute sicher nicht mehr raten, sie mögen das Ganze doch besser Profis überlassen. Er dürfte gemerkt haben, wie alt man aussieht, wenn die Arroganz entlarvt ist. Schon deshalb, weil Profis wie er ja eben in Sachen Klimaschutz rein gar nichts zuwege gebracht haben. Nur einige Kultusministerinnen und Schuldirektorinnen scheinen nicht lernfähig und verhängen Bußgelder wegen Schulschwänzens.

Dabei hat doch die Kanzlerin inzwischen sogar eine neue Zeitrechnung ausgegeben: Es gab eine Zeit vor Greta und wir befinden uns jetzt im Jahr eins nach Greta. So weit, so gut. Eine neue Bewegung hat ihr Thema auf die politische Agenda gesetzt. Sie ist dabei rasant gewachsen und hat sich unübersehbar gemacht.

Wir haben keine Zeit mehr!

Florian Schwinn [Quelle: HR, Sebastian Reimold]
Florian Schwinn [Quelle: HR, Sebastian Reimold]

Jetzt aber folgen die Mühen der Ebene. Das hat sich schon in Dortmund angedeutet. Dort traf sich auch der Vorsitzende der Wirtschaftsweisen mit den Jugendlichen. Er will wie sie eine Steuer auf Treibhausgase. Wer CO2 ausstößt, soll bezahlen. Aber die Forderungen der jungen Leute sind dem Wirtschaftsprofessor dann doch viel zu radikal. Das sei nicht realistisch, das ginge nicht so schnell. Man müsse die CO2-Steuer langsamer einführen und in Stufen. Womit das Problem deutlich wird, das "Fridays for Future" hat, oder sagen wir besser, das "Fridays for Future" begriffen hat, die Wirtschaftsweisen und die Politiker aber noch lange nicht: Wir haben keine Zeit mehr!

Seid realistisch – fordert das Unmögliche!

"Fridays for Future" drängt nicht so, weil die Jugend immer ungeduldig ist, sondern weil wir Erwachsenen unsere Zeit mit dem Produzieren von Treibhausgasen vertan haben. Die Anti-Atom-Bewegung wird am Ende 50 Jahre gebraucht haben – von den ersten Protesten bis zur Stilllegung des letzten deutschen Atommeilers in drei Jahren. Diese Zeit hat Fridays for Future nicht. Die Kinder und Jugendlichen von heute können nicht mehr so in den Tag hineinleben und sich vorwiegend um sich selbst kümmern, wie ihre Eltern. Sonst wird die Welt in weiten Teilen schon unbewohnbar sein, wenn Greta Thunberg fünfzig ist. Und was die Forderungen von "Fridys for Future" angeht. Da könnte die Bewegung eine Parole ihrer Großeltern aufgreifen. Die riefen sich schon 1968 zu: Seid realistisch – fordert das Unmögliche!

Diese Sendung im Programm: Bremen Zwei, 5. August 2019, 07:40

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