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Bremer Schulkonsens geht in zweite Runde

Ein Kommentar von Martin Busch

12. September 2018, 8:35 Uhr

Der "Konsens zur Schulentwicklung" in Bremen geht in die Verlängerung. Mindestens zehn weitere Jahre wird es das sogenannte Zwei-Säulen-Modell mit Oberschulen und Gymnasien geben. Eine weitere Strukturdebatte würde nur für Unruhe sorgen, sagen die Bildungsexperten aus den Parteien SPD, CDU, Grüne und Linke. Die FDP will nicht mitziehen.

Ein Lehrer an der Tafel. [Quelle: Radio Bremen]

Unruhe vermeiden! Das klingt gut und ist heutzutage, angesichts der unfassbaren Hektik, wichtiger als vieles andere. Aber ehrlich gesagt: Es herrscht doch gar keine Ruhe an Bremens Schulen: Die Lehrer (die da sind) fühlen sich zunehmend überfordert, weil die Inklusion durchgepeitscht wird – eigentlich untypisch für Sozialdemokraten und Grüne: durchpeitschen. Am Gymnasium Horn, der Schule, die wegen der Inklusion gegen die Bildungsbehörde klagen wollte, begann das neue Schuljahr dann auch ohne das dafür vorgesehene Personal.

G8 – "Griff ins Klo"

Und G8 ist ein politischer Griff ins Klo, entschuldigen Sie die Wortwahl. Bei der Evaluation des Bremer Schulkonsenses wurden die Eltern auch gar nicht gefragt: Die Schulleiter sollten mitteilen, was sie denken, was die Mütter und Väter denken. Zum Beispiel darüber, dass der Nachwuchs Schule und Freizeitaktivitäten kaum unter einen Hut kriegt, bevor es Abendessen gibt. Beziehungsweise das Abendessen findet mittlerweile gerne erst um 20:00, wenn nicht gar 21:00 Uhr statt. Aber der Unterricht beginnt morgens glücklicherweise auch erst um 09:00 Uhr. Ach ne, stimmt ja gar nicht!

Der "Konsens zur Schulentwicklung" in Bremen geht in die Verlängerung. Mindestens zehn weitere Jahre wird es das sogenannte Zwei-Säulen-Modell mit Oberschulen und Gymnasien geben. Eine weitere Strukturdebatte würde nur für Unruhe sorgen, sagen die Bildungsexperten aus den Parteien SPD, CDU, Grüne und Linke. Die FDP will nicht mitziehen.

Autor/-in: Martin Busch
Länge: 2:44 Minuten
Datum: Mittwoch, 12. September 2018
Sendereihe: Der Morgen | Bremen Zwei

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Soziale Durchmischung erstrebenswert

Dass es keine Hauptschule mehr gibt, ist ein Fortschritt. Bei mir damals an der Kooperativen Gesamtschule haben diejenigen, die das Abitur anstrebten, in der neunten Klasse einen verächtlichen Song getextet über die, die nach diesem Schuljahr ihre Lehre beginnen würden. Ja, das hat damals schon großartig funktioniert mit der Solidarität! Soziale Durchmischung ist erstrebenswert, keine Frage – Integration eben. Ein Teil der bildungsnahen Eltern hat seine Kinder trotz gymnasialer Empfehlung wegen der 13 Jahre auf eine Oberschule geschickt. Diesen positiven Effekt möchten die Damen und Herren Politiker natürlich nicht verlieren.

Eine "Schule für Alle"?

Und doch, liebe Freunde einer "Schule für Alle", gibt es nun mal Unterschiede, was die Lernfähigkeit und -bereitschaft von Individuen anbelangt. Das kulturelle Kapital des Einzelnen ist nach wie vor – wie nannte es der französische Soziologe Pierre Bourdieu: ein Familienvermächtnis. Diese Tatsache ließe sich nur annähernd aus der Welt schaffen, wenn jedes, aber wirklich jedes Menschenkind, sobald es laufen kann, von morgens bis abends in einer phantastisch ausgestatteten KITA von ebenso phantastisch begabten wie ausgebildeten Erwachsenen betreut würde. Das Abitur wird nicht aufgewertet, je mehr Mädchen und Jungen es erlangen. Die Fixierung auf die Quote ist Schwachsinn. Zitat eines Personalchefs: "Wir hatten vor kurzem eine Bewerberin, die hatte gerade Abi gemacht und wusste nicht, wer Marx und Engels sind." Das Handwerk hat derweil immer mehr Probleme, Auszubildende zu finden.

Wann fällt in Bremen der Groschen?!

Gründlichkeit vor Schnelligkeit! Gut Ding will Weile haben! Die Niedersachsen haben begriffen. Es ist nicht rückwärtsgewandt, wenn man aufgrund von Erkenntnissen umdreht. Wann fällt in Bremen der Groschen? Mehr Personal lautet ein überparteiliches Ziel für die kommenden zehn Jahre, allgemein und speziell für Sprachförderung und Inklusion. Prima, aber nicht mehr als ein zaghafter Versuch, einen weiteren qualitativen Absturz zu verhindern, einen, der sich ankündigt: Bremen hat bundesweit die meisten kleinen Kinder mit Migrationshintergrund. Viele von ihnen (und auch diverse ohne ausländische Abstammung) werden mit mangelhaften Deutschkenntnissen eingeschult. Machen wir uns nichts vor: Diese Gruppe wird nicht kleiner, sondern größer.

Von Singapur lernen

Apropos Größe: Bildung ist Sache der Länder, auch wenn das Kooperationsverbot mit dem Bund gelockert werden soll. Ein Stadtstaat sollte doch, was die Steuerungsfähigkeit betrifft, Vorteile haben gegenüber Flächenländern. Es kommt nicht von ungefähr, dass Singapur PISA-Weltmeister ist. Die Bremer Politik könnte dort vielleicht mal ein paar Stunden Nachhilfe nehmen. "Die sind reich und wir sind arm!" rufen sie jetzt unisono in der Bürgerschaft. Ich möchte erwidern: Bildungsnotlage trägt dazu bei, dass die Haushaltsnotlage Bestand hat. Außerdem: Not macht doch erfinderisch. Es ist wirklich höchste Zeit. Kinder und Eltern werden es Ihnen danken. Ich glaube, darüber besteht Konsens.

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Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 12. September 2018, 08:35 Uhr

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