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Ein Jahr "Fridays for Future"

Ein Kommentar von Jürgen Döschner

20. August 2019

Was wurde nicht alles erforscht, gemahnt, gewarnt – aber richtig Fahrt aufgenommen hat das Thema Klimawandel erst, nachdem Greta Thunberg ihren Sitzstreik vor dem Reichstag in Stockholm begonnen hat. Das ist jetzt ein Jahr her und seitdem haben sich ihr weltweit viele junge Menschen angeschlossen. Jürgen Döschner mit einem Kommentar zur "Fridays For Future"-Bewegung.

Greta Thunberg sitzt mit ihrem Plakat vor des Schwedischen Parlaments und streikt (2018) [Quelle: DPA, Jessica Gow/TT News Agency]
Mit einem Pappschild trat Greta Thunberg vor einem Jahr in den Sitzstreik. [Quelle: DPA, Jessica Gow/TT News Agency]

Kommentar: Ein Jahr Fridays for Future [3:41 Minuten]

Kann ein einzelner Mensch, gar ein zierliches 16jähriges Mädchen die Welt aus den Angeln heben? Immerhin, seit Pippi Langstrumpf wird schwedischen Mädchen ja so manches zugetraut. Und in der Tat: Greta Thunberg hat vielleicht (noch) nicht die Welt aus den Angeln gehoben, aber an diesem 20. August 2018, als sie sich zum ersten Mal mit ihrem handgeschriebenen Pappschild vor den Reichstag in Stockholm setzte, hat sie etwas in Bewegung gebracht, das in Ausmaß und Wirkung schon nach diesem einen Jahr kaum zu unterschätzen ist. Sie hat das Schicksalsthema der Menschheit, den Klimawandel und die damit voranschreitende Erderhitzung, dorthin befördert, wo es hingehört: Auf die Titelseiten der Zeitungen, in die Top-Nachrichten, an die erste Stelle von Regierungen und Parteitagen – vor allem aber an die Küchentische von Millionen Familien, die nun mit ihren Kindern Klartext reden müssen: über Flugreisen, Fleischkonsum und Autofahren – über Braunkohle, Massentierhaltung und Erdöl-Subventionen – über untätige Politiker, Ausreden von Konzern-Chefs und den Einfluss von Wirtschaftsverbänden.

Die Bewegung hat die politischen Kräfteverhältnisse verschoben

Die von Greta Thunberg ausgelöste Klimaschutzbewegung "Fridays For Future" hat in zahlreichen Ländern zu einer enormen Politisierung nicht nur der Jugend geführt. Sie hat zum Beispiel in Deutschland eine Verschiebung der politischen Kräfteverhältnisse in Gang gesetzt, die man nur als erdrutschartig bezeichnen kann. Und dabei ist diese Bewegung gerade erst am Anfang. Das alles ist natürlich nicht allein Greta Thunberg zu verdanken. Sie hatte gewiss die richtige Idee, gepaart mit einer unvergleichlichen Klarheit und Konsequenz. Aber eine ganz entscheidende Rolle bei der Wucht und der Breite der Aktion, die ihre "Schulstreik fürs Klima"-Idee ausgelöst hat, spielt der Klimawandel selbst. Gerade weil die Eltern-Generation dieser wütenden Kids jahrzehntelang eben nicht so wütend, so klar, so konsequent war, konnte der Klimawandel zu jener Klimakrise heranreifen, die wir heute erleben. Der Hitze- und Dürresommer von 2018 hat selbst in Deutschland und Westeuropa erfahrbar gemacht, was Klimakrise heißt.

Und immer noch wird vertröstet und verschleppt

Und es gibt noch eine weitere Triebfeder, die den Zorn und die Entschlossenheit der Schüler*innen anheizt: Nämlich die Untätigkeit der Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft. Selbst nach einem Jahr millionenfacher Proteste wird immer noch gezweifelt, beraten, vertröstet, verschleppt. Auch in Deutschland. Ob Kohleausstieg oder Verkehrswende, ob Ausbau der Erneuerbaren oder Eindämmung der Massentierhaltung – "Pillepalle" (Zitat Merkel ) auf der ganzen Linie. Während das "Klimakabinett" heiße Luft produziert, steigt die Erderhitzung weiter an. Es wird deshalb auch noch mindestens ein weiteres Jahr Schulstreiks fürs Klima geben, geben müssen. Und auch die Proteste dürften hitziger werden. Am 20. September zum Beispiel sind weltweit auch Arbeitnehmer*innen aufgerufen, fürs Klima zu streiken. Es wird mehr und andere Aktionsformen geben.

Die Gegner der Bewegung reagieren mit Häme und Hass

Aber ob Schulstreik, Straßenblockade oder Besetzung von Braunkohlebaggern – ob Fridays For Future, Ende Gelände oder Extinction Rebellion: Der Schlüssel für den bisherigen Erfolg der Klimaschutzbewegung lag in der friedlichen und gewaltfreien Form ihres Protestes. Und das sollte und dürfte auch in Zukunft so sein. Häme, Hetze und Hass – bis hin zu Gewaltandrohungen – sind die Kennzeichen der Gegner dieser Bewegung. Es ist offenbar das einzige, was manche der Klarheit und Konsequenz von Greta Thunberg entgegensetzen können. Auch das gehört zur Bilanz nach einem Jahr Schulstreik fürs Klima. Sie hat sich dadurch bislang nicht von ihrem friedfertigen Kurs abbringen lassen. Und das prägt bislang auch den weltweiten Protest, den sie ausgelöst hat.

Mehr zum Thema:
Friday for Future und die sozialen Medien [4:05 Minuten]

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 20. August 2019, 8:10 Uhr

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