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Buch-Tipp

Zukunftsblind

28. Dezember 2018

Zwischen den Jahren ist ein guter Zeitpunkt, um zurückzublicken, was das alte Jahr gebracht hat. Noch spannender ist jedoch die Frage, was die Zukunft für uns bereithält. Tatsächlich ist das – trotz oder vielleicht auch gerade wegen des technischen Fortschrittes nicht nur Positives. Davon ist jedenfalls Benedikt Herles überzeugt.

Buchcover: Zukunftsblind [Quelle: Droemer Verlag]
Benedikt Herles: Zukunftsblind, Droemer Verlag, 2018 [Quelle: Droemer Verlag]

Schon der Titel seines neuen Buches "Zukunftsblind" stimmt die Leser auf die Lektüre ein. Christian Erber hat die Feiertage genutzt, um sich näher mit den Thesen des Autors zu beschäftigen. Im Gespräch mit Bremen Zwei fasst er die wichtigsten Aussagen zusammen:

Das klingt ja nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig, was Herles da den Lesern zumutet

Obwohl der Autor seinen Lesern einiges zumutet, fand ich es wichtig, sein Buch zu lesen und auch bereichernd, weil er einem anschaulich vor Augen führt, warum wir in – ich nenne sie mal – brisanten Zeiten leben.

Worauf spielt der Autor mit dem Titel an? Betriebsblindheit?

Könnte man so sagen. Er verweist auf die Digitalisierung. Sie hat uns eine neue technische Revolution beschert, die gerade erst damit begonnen hat, unser aller Leben von Grund auf umzukrempeln. Herles war zu Gast auf der Frankfurter Buchmesse und hat dort einige Beispiele genannt:

Künstliche Intelligenz, Biotechnologie, Blockchain – also die Technik hinter der virtuellen Währung Bitcoin, Robotik. Das alle stellt das Leben auf den Kopf und wir sind nicht darauf vorbereitet!

Benedikt Herles

Gerade dieses Nicht-vorbereitet-sein ist es, was Herles mit zukunftsblind meint. Die Materie sei zu komplex, als das man sich gerne mit ihr beschäftige. Das gelte für die meisten Bürger, aber auch für das Gros unserer Politiker, die solche Themen seiner Ansicht nach lieber nicht anpacken, sondern auf eine bewährte Politik der kleinen Schritte setzen, um wiedergewählt zu werden.

Wo sieht Herles Gefahren und Herausforderungen?

Die ultimative Gefahr sieht er letztlich darin, dass uns Maschinen bzw. Roboter immer mehr Arbeit wegnehmen, weil sie sie einfach kostengünstiger und effektiver machen können. Das könne zu gravierenden gesellschaftlichen Verwerfungen führen mit einem Heer von Mittelschichtsarbeitslosen, deren Arbeitskraft nicht mehr benötigt wird. Und das wiederum berge die Gefahr, dass sich solche Menschen abgehängt fühlen und sie in ihrer Unzufriedenheit Populisten wählen, die die Gesellschaft spalten. Ein Beispiel: Die USA mit Donald Trump, den ja genau diese abgehängten Wohlstandverlierer ins Amt gewählt haben.

Und die Gentechnik? Die sogenannte Genschere ist ja schon lange keine Zukunftsmusik mehr...

Genau. Vor allem, wenn wir bedenken, dass sich heutzutage jeder völlig legal aus dem Netz einen Biotech-Baukasten bestellen kann. Kostet gerade mal 160 Dollar. Damit kann Prinzip jeder – sofern er sich mit der Materie auskennt – im stillen Kämmerlein munter drauflosforschen beziehungsweise manipulieren. Da führt uns Herles plastisch vor Augen, welche Folgen dieser Tabubruch haben kann und vor allem, welche Diskussion daraus folgen müsse:

Wir haben global gesehen eigentlich überhaupt keinen Konsens darüber, was möglich sein sollte und wo die Grenzen sein sollten. Wir müssen uns Gedanken darüber machen, was wir erschaffen und was wir nicht erschaffen wollen.

Benedikt Herles

Sonst, warnt Herles, landen wir irgendwann bei einer Zweiklassen-Gesellschaft. Auf der einen Seite diejenigen die es sich leisten können, sich selbst und ihre Nachfahren gentechnisch zu tunen – und diejenigen, die es sich nicht leisten können und möglicherweise gegen diese neue Biotech-Elite aufbegehren. Sogar bürgerkriegsähnliche Zustände hält Herles für möglich, wenn wir nicht noch rechtzeitig gegensteuern. Mit gesetzlichen Regelungen und einem Ethik-Kodex, der weltweit gilt zum Beispiel.

Kann Herles überzeugen?

Ich habe schon den Eindruck, dass er genau weiß, wovon er spricht. Er ist Ökonom und Startup-Investor. Das heißt, er weiß, woran junge Unternehmen zum Beispiel im Silicon Valley forschen, was sie an Produkten und Dienstleistungen in der Pipeline haben. Das ist teilweise wirklich gruselig. Deswegen will er dieses Buch auch als Weckruf verstanden wissen. Und zwar in Richtung Politiker, mutiger zu sein. Was nicht bedeutet, das Rad zurückzudrehen, denn das ist ohnehin nicht möglich, sondern Lösungen zu erarbeiten, wie man zum Beispiel mit den vielen Menschen umgeht, die sich künftig nicht mehr über ihre Arbeit definieren können.

Herles selbst plädiert da übrigens für ein bedingtes Grundeinkommen. Also Geld vom Staat für diejenigen, die sich etwa ehrenamtlich in der Alten- und Krankenpflege engagieren. Denn da sind wir Menschen den Robotern immer noch voraus, wenn es darum geht, Empathie zu zeigen, sich in den Gegenüber hineinzuversetzen. 

Buch Tipp Benedikt Herles "Zukunftsblind" [5:37 Minuten]

Buch-Infos:
Benedikt Herles. "Zukunftsblind – wie wir die Kontrolle über den Fortschritt verlieren", Droemer Verlag, 300 Seiten, 20 Euro.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 28. Dezember 2018, 9:36 Uhr

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