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Buch-Tipp

Agentterrorist

10. Oktober 2019

Ein Jahr lang war der Journalist Deniz Yücel in der Türkei inhaftiert, ihm wurde unter anderem Terrorpropaganda vorgeworfen. Das führte nicht nur zu einer diplomatischen Krise zwischen Deutschland und der Türkei, sondern auch zu einer riesigen Solidaritätswelle für den Journalisten. Über diese Zeit hat Deniz Yücel ein Buch geschrieben. Burcu Arslan hat es gelesen.

Wir erinnern uns an die Inhaftierung des „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel 2017. Und das führte nicht nur zu einer diplomatischen Krise zwischen Deutschland und der Türkei, sondern auch zu einer riesigen Solidaritätswelle für den Journalisten. Am Ende saß er ein Jahr lang in der Türkei in Haft. Der Vorwurf: unter anderem Terrorpropaganda. Über diese Zeit hat Deniz Yücel ein Buch geschrieben. Burcu Arslan stellt es vor.

Autor/-in: Burcu Arslan
Länge: 4:21 Minuten
Datum: Donnerstag, 10. Oktober 2019
Sendereihe: Bremen Zwei | Bremen Zwei

"Agentterrorist" – das ist eine Wortschöpfung des türkischen Präsidenten Erdoğan, die er in Interviews und auf Reden über Yücel benutzte. Er spielt damit auf eine angebliche Agententätigkeit Yücels für Deutschland an – und weil Yücel ein PKK-Anhänger und damit Terrorist sei.

Diese Aussage Erdoğans damals war im Grunde eine Vorverurteilung Deniz Yücels. Yücel bezieht sich auf diesen Vorwurf. Er beschreibt völlig ehrlich, wie er immer wieder mit der Angst ringt, vielleicht nicht mehr aus dem Gefängnis rauskommen zu können. Und erklärt im Buch, quasi chronologisch die Zeit kurz vor der Verhaftung, über die Haftzeit im türkischen Gefängnis bis hin zur Freilassung. Immer wieder ist er dabei mutig, hoffnungsvoll und manchmal sogar humorvoll.

Humor im Gefängnis nicht verlieren

Den Humor darf er im Gefängnis nicht verlieren, sonst verliert man auch die Hoffnung, davon ist Deniz Yücel überzeugt. Er beschreibt zum Beispiel, wie er sein Schreiben an den Europäischen Gerichtshof herausschmuggelt, oder wie er sein Buch, "Wir sind ja nicht zum Spaß hier", an dem er im Gefängnis zu arbeiten beginnt, als normale Post getarnt aus dem Gebäude bekommt, oder auch wie er und seine Frau sich gegenseitig Liebesbriefe und Notizen zuschicken.

Sehr persönliches, sehr kämpferisches Buch

Es ist ein sehr persönliches und sehr kämpferisches Buch. Als Leser*in bekommt man den Eindruck, hinter die Kulissen zu schauen. Man versteht, wie sich die Dinge ereigneten, zum Beispiel die Hetzkampagne in den türkischen Medien gegen ihn; oder aber die "Deals" und Angebote der deutschen Regierung, des Auswärtigen Amts oder seiner Redaktion, die immer wieder versucht, Yücel bei der Freilassung zu unterstützen.

Er berichtet hier erstmals von der Folter, die ihm während der Haft widerfährt. Aber: An manchen Stellen könnte es für die deutschsprachigen Lesern schwerfallen, die Personen und ihre Bedeutungen zu verstehen.

Lesenswert

Es ist nicht nur der "Fall Yücels", den er nachzeichnet. Es ist auch eine Analyse der türkischen Politik und der deutsch-türkischen Beziehungen aus der Perspektive des Journalisten.

Das Buch zeigt auch, dass der Deutsch-Türke Deniz Yücel, der trotz der einjährigen Haft und der Tatsache, dass er erstmal lange Zeit nicht dort arbeiten kann, die Türkei immer noch liebt und sich mit dem Land immer noch verbunden fühlt.

Infos:
Deniz Yücel: Agentterrorist, Kiepenheuer und Witsch Verlag, 400 Seiten, 22 Euro .

Lesung in Bremen

Am 6. November wird Deniz Yücel zu einer Lesung aus "Agentterrorist“ ins Bremer Lagerhaus kommen. Präsentiert von Bremen Zwei.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 10. Oktober 2019, 8:20 Uhr

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