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Buch-Tipp

Winterbienen

13. August 2019

Der Autor Norbert Scheuer widmet sich schon seit vielen Jahren ganz seiner Heimatregion, der Eifel. Er schreibt an einer literarischen Chronik über diese vermeintlich unscheinbare Gegend und hat dafür auch schon einige Literaturpreise gewonnen. Die Romane bilden ein eigenes Universum, funktionieren aber auch einzeln. Den neuesten Roman mit dem Titel "Winterbienen" stellt Esther Willbrandt vor.

Der Autor Norbert Scheuer widmet sich schon seit vielen Jahren ganz seiner Heimatregion, der Eifel. Er schreibt an einer literarischen Chronik über diese vermeintlich unscheinbare Gegend und hat dafür auch schon einige Literaturpreise gewonnen. Die Romane bilden ein eigenes Universum, funktionieren aber auch einzeln. Den neuesten Roman mit dem Titel "Winterbienen" stellt Esther Willbrandt vor.

Autor/-in: Esther Willbrandt;Andree Pfitzner
Länge: 5:43 Minuten
Datum: Dienstag, 13. August 2019
Sendereihe: Bremen Zwei | Bremen Zwei

Das Buch spielt 1944 in dem Örtchen Kall, in dem Norbert Scheuer auch lebt. Den ganzen Tag kreisen Bomber über der Eifel, wer ein Gewehr halten kann, ist an der Front. Der Bienenzüchter Egidius Arimond wurde trotzdem ausgemustert, und wir lesen sein Tagebuch. Er hat epileptische Anfälle und müsste als so genannter Volksschädling eigentlich längst tot sein, zwangssterilisiert hat man ihn jedenfalls schon. Aber sein Bruder ist Pilot und Kriegsheld, und so wird er notgedrungen geduldet. Einige der Frauen im Dorf wissen seine körperliche Nähe allerdings durchaus zu schätzen. Sie sind einsam und haben keine Ahnung, ob ihre Männer überhaupt noch leben. Aber als Egidius mit der Frau des NS-Kreisleiters anbandelt, wird es für ihn wirklich lebensgefährlich. Seinen Job als Latein- und Geschichtslehrer hat er längst verloren, und um die teuren Epilepsie-Medikamente bezahlen zu können, schmuggelt er hin und wieder jüdische Flüchtlinge über die belgische Grenze.

Heimliche Helfer

Ein Spiel mit dem Feuer, bei dem er Hilfe bekommt – und zwar von den Bienen. Die Gegend um Kall ist ehemaliges Bleibergbaugebiet, voller Stollen und Höhlen, viele davon einsturzgfährdet. Deshalb wagt sich niemand dorthin. Aber Egidius kennt jeden Zentimeter. Einer der Gänge endet in seinem Garten bei den Bienenstöcken. Er hat überall in der Region seine Bienenvölker platziert, so kann er, ohne Aufsehen zu erregen, mit Bienenkästen auf dem Lieferwagen herumfahren. Einige davon sind so präpariert, dass darin ein zusammengekauerter Mensch Platz hat. Wirklich atemberaubend wird hier beschrieben, wie der Imker Königinnen in Lockenwicklern an der Kleidung der Flüchtlinge befestigt,. Wenn er bei einer Straßenkontrolle die Kästen öffnen muss, sammeln sich die Bienen wie eine Traube um die Versteckten und machen sie dadurch unsichtbar.

Bienen als Roman-Motiv

Schon andere Schriftsteller haben sich für Bienen als Motiv in ihren Büchern entschieden. Wie zum Beispiel auch Andrej Kurkow, der in seinem gerade erschienen Roman über einen Bienenzüchter im Krieg schreibt, allerdings im aktuellen Krieg in der Ukraine. Und noch einige andere Autoren nehmen den Bienenstaat als Parallelwelt her. Diesen wohlgeordneten Staat, in dem es um das gemeinsame Überleben geht, in dem klare, einfache Gesetze gelten – während draußen, in der Menschenwelt, nur noch Chaos und Zerstörung herrschen und jeder versucht, sich bis zum Kriegsende alleine durchzuschlagen.

Nachdem Scheuer in einem früheren Roman einen Sanitäter im Kriegseinsatz die Sprache der Vögel studieren ließ, widmet sich Egidius Arimond nun also der Sprache der Bienen. Auch da fügt sich was zusammen. Und noch aus einem anderen Grund passen die Bienen hier so gut. Scheuer beschreibt eine Zeit, in der das Leben in einer ganz anderen Geschwindigkeit vonstatten ging. Und so ist der Roman auch wie üblich wieder ganz ruhig und elegant erzählt. Hier wird in aller Ruhe beschrieben, wie im Tauwetter das Eis von den Bäumen tropft und in der Sommerhitze der Teer vom Dach, wie die Bienen im Stock summen und pulsieren, und dass ein warmer Honigduft herausströmt, wenn Egidius die Fluglöcher behutsam von Eis und Schnee befreit.

Hochdramatisch und schön beschaulich

Die Härte und die Tragik, aber auch die Schönheit wirken ja gerade umso intensiver, weil sie ohne Knalleffekte auskommen – bis ganz zum Schluss eigentlich, und selbst da wird das Drama nur angedeutet. Mich hat es atemlos und mit offenem Mund zurück gelassen. Allerdings handelt Egidius als Fluchthelfer nicht unbedingt aus Nächstenliebe, es ist also keine dieser üblichen Außenseiter-wird-zum-Helden-Geschichte. Darum geht es gar nicht. Der Kern steckt für mich in dieser willkürlichen Verschwendung von Leben. Edmund ist so voller Lebenslust und Sehnsüchte, er will mehr von der Welt sehen, er liebt die Frauen, er bedauert es, niemals Kinder haben zu können, und so projiziert er seine Energie auf die Bienen – und auf die Vergangenheit. Er recherchiert in der Bibliothek in lateinischen Schriften aus dem Mittelalter, die einer seiner Vorfahren verfasst haben soll. Hier kann er sich völlig verlieren, stundenlang. Was in einer Zeit, in der es ums blanke Überlegen geht, natürlich einigermaßen absurd ist.

Infos:
Norbert Scheuer: Winterbienen, C.H. Beck Verlag, 319 Seiten, 22 Euro

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 13. August 2019, 11:00 Uhr

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